Narratio
lat. narratio – Erzählung, Mitteilung in Erzählform, narro – erzählen, berichten, erwähnen, nennen
Die Erzählung (Narratio) stellt ein Geschehen in mündlicher oder schriftlicher Form dar. In der antiken Rhetorik bezog sie sich auf die Darlegung des grundsätzlichen Sachverhaltes und bildet gemeinsam mit der Beweisführung (argumentatio) den wichtigsten Teil der Rede.
Es können vier Erzählperspektiven unterschieden werden:
- auktoriale Erzählsituation (allwissender Erzähler),
- personale Erzählsituation (Reflektorfigur),
- Ich-Erzählsituation (narrator – Erzähler),
- neutrale Erzählsituation.
Heute wird für eine verbindende, sinnstiftende Darstellung grundsätzlicher Gedanken auch der Ausdruck Narrativ verwendet.[1]
Beispiele:
- einseitige Darstellung des angeblichen unmittelbaren Zusammenhanges von Migration und Gewalt in der Gesellschaft durch Vertreter rechter Ideologien,
- Erklärung des Krieges Russlands in der Ukraine durch Wladimir Putin als militärische Sonderaktion,
- Erläuterung, dass der Krieg im Atomzeitalter nicht mehr die Fortsetzung der Politik (von Clausewitz) sein kann, sondern ihr Ende durch globale Zerstörung sein wird. (Gorbatschow)
Negation
Verneinung als Ausdruck des Nichtzutreffens eines Sachverhaltes, einer Zurückweisung oder Weigerung mit sprachlichen Mitteln.
Eine doppelte oder mehrfache Negation ist eine rhetorische Figur zur Ironisierung, zur Verstärkung einer Meinung oder des Zweifels an anderen Auffassungen:
Beispiele:
- Man sieht, dass er von nichts keine Ahnung hat.
- Das ist nicht unmöglich.
- Nicht unschön…
Als Negation der Negation wird in der Philosophie (Dialektik Hegels, Grundgesetz der materialistischen Dialektik nach Engels) die Aufhebung des Hemmenden in gesellschaftlichen Zusammenhängen verstanden.
Neologismen
Sprache lebt im Rahmen der menschlich-gesellschaftlichen Entwicklung. In einer bestimmten Zeit entstehen Neuworte bzw. Neuprägungen von Ausdrücken, die im Zusammenhängen von Ereignissen, wissenschaftlich-technischen Entwicklungen oder Übernahmen aus anderen Sprachen stehen. Eine umfangreiche Sammlung und Erklärung finden sich z.B. im DUDEN.[2] Solche Tendenzen sind Spiegel der Kulturgeschichte stellen sowohl Bereicherung als auch Gefährdungen (problematische Verständlichkeit, Fehler) für unsere Muttersprache dar.[3]
Beispiele:
- Radio kommt vom lat. radium – das Strahlende, Anfang des 20. Jahrhunderts)
- E-Mail (engl. electronic mail, zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts)
- Hipster,
- Internetcafé,
- Laptop usw.
Neologismen entstehen ständig, vor allem in Fachsprachen (Innovationen) oder in der Jugendsprache sowie durch das Verschmelzen von Begriffen aus unterschiedlichen Sprachquellen (z.B. Anglizismen).
Im Gegensatz dazu gibt es Tendenzen der Veraltung von Wörtern, die dann nicht mehr oder nur noch selten (vielleicht regional) im Gebrauch sind (Archaismen):
Beispiele:
- affrontieren (jemanden herausfordern, angreifen)
- frappieren (jemanden überraschen)
- obsiegen (siegen, gewinnen)
- Oheim, Base, Eidam
- Pfennig (statt Cent)
- Fräulein
Netiquette und Rhetorik
Es handelt sich hier um ein Kunstwort aus Netz (engl. net) und Etikette (franz. etiquette – Umgangsvorschrift).
Die Regelung der Umgangsformen im Internet (Verhaltenskodex, Etikette) ist noch heute problematisch und sucht nach Wegen der Verständlichkeit zwischen Fachleuten und Laien (Fach- und Allgemeinsprache), richtet sich aber auch gegen Lügen und Fake News, Beschimpfungen, Rassismus, Antifeminismus usw. Bisher gibt es keine einheitlichen Festlegungen, sondern bestenfalls Ansätze und Appelle.
Formen und Prinzipien der Höflichkeit werden seit eh und je entwickelt. Von der kulturbedingten Wortwahl und der persönlichen Ansprache bis zur Körpersprache (Handschlag, Verbeugung, Distanz usw.) gibt es umfangreiche Regeln.[4] Und es leuchtet auch ein, dass es auch im Informationszeitalter zwischen der direkten (Face-to-Face) Kommunikation und der Internet-Kommunikation große Schnittmengen in dieser Problematik gibt.
- Digitale Kommunikation ist zwischenmenschliche Interaktion. Man kann nicht nicht wahrnehmen, sobald man sich wahrnimmt (Watzlawick). Auch digitale Kommunikation findet immer auf Sach- und Beziehungsebene statt. Deshalb ist unser Benehmen (Manieren, Stil, Wortwahl usw.) immer bedeutungsvoll.
- Gegenseitig Achtung und Höflichkeit sind auch bei Gesprächen im Netz nicht zu unterschätzen. „Bitte“ und „Danke“ z.B. schaffen eine höfliche Atmosphäre am Bildschirm. Verständliche und zielgruppengerechte Texte sind sehr wichtig. Auch die differenzierte Ansprache mit Sie oder Du ist längst nicht aus der Mode gekommen.
- Auch Rechtsschreibung und Grammatik in der Textgestaltung sind in der Regel Ausdruck unserer Beziehungen. Fehler und Oberflächlichkeiten können Anzeichen von Nachlässigkeit und Unfähigkeit sein. Genormtes Sprechen (Orthoepik) und weitere Kriterien der Verständlichkeit sind ebenfalls wichtig.[5]
- Wir sollten die Privatsphäre unserer Kommunikationspartner beachten. Die Veröffentlichung privater Informationen (z.B. Fotos) bedarf in der Regel der Zustimmung.
- Auch Dienste und Plattformen müssen sich an Regeln halten. Beleidigungen, Falschdarstellungen und Diskriminierungen sind zu vermeiden und können geahndet werden.
- Verwendete Fakten sollten weitgehend transparent und überprüfbar sein. Fake News können große Schäden anrichten.
- Auch im Netz hängt der Erfolg ähnlich wie in der Face-to-face- Kommunikation von den Rückmeldungen ab. Deshalb sollten Antworten erkennbar, schnellstmöglich und angemessen erfolgen. So ist es z.B. sowohl eine Frage der Höflichkeit als auch der Effizienz einer Kommunikation, ob ich auf E-Mails Rückmeldungen erhalte.
Indem wir uns an solche Regeln halten und dazu beitragen, sie zu festigen und weiterzuentwickeln, tragen wir zu einer positiven offline und online-Umgebung unserer zwischenmenschlichen Kommunikation bei.
Netze
Unsere der Kommunikation erfolgt über durch den Informationsaustausch über verschiedene Kanäle und Formen der Vernetzung. Eine Ausnahme bildet der Monolog, d.h. inneres „Sprechen“, nur Denken bzw. Sprechen/Schreiben für sich selbst und ohne Publikum. Das wäre dann auch keine Kommunikation im eigentlichen Sinne, die dialogisch sein muss.
Kommunikation läuft ein- oder wechselseitig zwischen Sender und Empfänger und ist nur erfolgreich, wenn sie sich fortsetzt und immer weiter fortsetzt (Niklas Luhmann)[6] Und so entstehen vielfältige und sich oft verändernde Netze.
Formen der kommunikativen Beziehungen (Netze, d.h. Transaktionen zwischen Sendern und Empfängern):
Dialog
Beispiele:
- Gespräche in allen ihren Formen
- Sender und Empfänger mit stabilen Rollen
- Sender und Empfänger mit wechselnden Rollen
- Sender und Empfängern mit symmetrischen (gleichberechtigten) und komplementären (nicht gleichberechtigten) Rollen
(vgl. auch Transaktionsanalyse)
Kette
Beispiele:
- Stille Post (Kinderspiel)
- Staffellauf (Leichtathletik)
- Übermittlung von Informationen über einzelne Stationen (z. B. Fließbandproduktion)
- offene oder geschlossene Ketten
Stern
Beispiel:
- Unternehmen mit separaten Abteilungen bzw. Außendienstmitarbeitern, die selbst ohne Kontakt untereinander sind
Kreis
Beispiele:
- geschlossene Kette
- Episode beim Handballspiel (vor dem Ballverlust der Mannschaft oder dem Torschuss)
- Argumentationsform im Zirkelschluss (circulus vitiosus, Teufelskreis, Abwärts- oder Eskalationsspirale) – meistens unzulässig und sollte irgendwann unterbrochen werden (Intervention)
Netz
Beispiele:
- chaotische Diskussion in einer Gruppe (ohne Ziel)
- Informationsaustausch in einem moderierten Team (oft nur günstig nach
- festgelegten Regeln)
Virale Vernetzung
Beispiele:
- gestreute Begegnungen und Informationen (z.B. Gerüchte)
- Virus-Verbreitung
- Kleine-Welt-Effekt: Jeder kann jeden theoretisch erreichen.
Neue Rhetorik
Im literarischen Original New Rhetoric
Anfänge für die Modernisierung der traditionellen Rhetorik lassen sich bereits in der römischen Antike bei Quintilian finden: De argumentis.[7]
Aber erst seit etwa seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts kann man von einer Modernisierung sprechen, als sich eine wissenschaftlich fundierte Persuasionsforschung (Demokratie, Marketing) entwickelte. Chaim Perelman und Lucie Olbrechts-Tydeca (Brüsseler Schule) stellten dazu eine Argumentationstheorie in den Mittelpunkt.[8] Sie stellten fest, dass eine neue Rhetorik ohne ein „Sprachspiel der Vernunft“ nicht auskommt.
Parallel dazu formulierte Stephen Toulmin ein eigenes Argumentationsmodell.
Auch Lasswell passte in diesen Trend, indem er weitere Untersuchungen (1948) anregte: „Wer sagt was in welchem Kanal zu wem mit welchem Effekt.“[9]
Nexus
lat. nexus – Verknüpfung, Zusammenhang, Verbindung, Nabe usw.
Yuval Noah Harari verwendet diesen Terminus für sein Buch „Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz.“[10]
Er stellte sich damit als Historiker den Beziehungen innerhalb von Netzwerken wie z.B. zwischen Wissenschaft und Technologie im Interesse innovativer Entwicklungen oder auch zwischen Sprache, Denken und Sprechen. Der Autor des Weltbestsellers Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit“ untersucht, wie Informationsnetzwerke der Welt der Menschen geschaffen, und jetzt möglicherweise und im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz zerstören könne.
Der „Homo rhetoricus“ (Kopperschmidt, 2000) existiert nur innerhalb von Netzwerken, aber es ist eine Frage, ob er diese auch immer und ewig beherrschen wird. Jetzt lernen Computer, wie das geht, was Menschen einst zu Menschen gemacht hat. Werden sie sich vielleicht damit verselbstständigen?
Nölomat/ Nölothron[11]
Das Halbautomatische Schnellformulierungssystem nach Philip Broughton
nölen/nörgeln = unsympathisch, anzweifelnd, ablehnend, unproduktiv beanstandend, meckernd
Ein humoristisches/ karikierendes Modell stellt sich als dreispaltige Tabelle mit Substativen dar, die sich wahlweise (durch Wechsel der Zeilen) zu unterschiedlichen Komposita verbinden lassen, und dann mehr oder weniger Sinn ergeben bzw. vorspiegeln. Es soll verdeutlichen, dass man allein mit dem vermeintlichen Wohlklang von Wörtern und Sätzen einen nicht gegeben Sinn vorspiegeln kann. Marcel Reich-Ranicki (poln.- dt. Literaturkritiker) meinte dazu: „Unverständlichkeit ist noch lange kein Beweis für tiefe Gedanken.“
Jahrelang hat sich Philip Broughton, Beamter im US-Gesundheitsdienst, durch das etymologische Dickicht geschlagen, bis er auf eine bombensichere Methode stieß, verbale Frustration in Befriedigung zu wandeln. Das „automatische Schnellformuliersystem“ ist satirisch gemeint und stützt sich auf eine Liste von sorgfältig ausgesuchten Schlüsselwörtern (Imponiervokabeln), die beliebig miteinander verknüpft werden können.
| konzentrierte | Führungs | Struktur |
| integrierte | Organisations | Flexibiität |
| permanente | Identifikations | Ebene |
| systematisierte | Drittgenerations | Tendenz |
| progressive | Koalitions | Programmierung |
| funktionelle | Fluktuations | Konzeption |
| orientierte | Übergangs | Phase |
| synchrone | Wachstums | Potenz |
| qualifizierte | Aktions | Problematik |
| ambivalente | Interpretations | Kontingenz |
| bilaterale | Psycho | Analyse |
| degenerierte | Multi | Expertise |
| sublimierte | Öko | Perspektive |
| harmonisierende | Inflations | Konsequenz |
| stabilisierte | Produkt | Struktur |
| progressive | Techno | Hysterie |
| aggressive | Stress | Diskussion |
| depressive | Alternativ | Maschinerie |
| homogene | Bio | Investition |
| spirituelle | Pseudo | Lobby |
„Keiner wird im Entferntesten wissen, wovon Sie reden“, sagte Broughton. „Aber entscheidend ist, dass niemand wagen wird es zuzugeben.“ Diese Methode der „Schwarzen Rhetorik“ lässt sich leicht enttarnen, wenn man den Sprecher danach fragt, was der soeben genutzte Ausdruck zu bedeuten hat.
Nomen es omen
Dieser lateinische Ausdruck verweist darauf, dass schon allein der Name (einer Person, eines Redners) von Bedeutung sein kann. Allerdings kann das sowohl im positiven (Aufwertung), als auch im negativen Sinn (Abwertung) gemeint sein.
Er suggeriert von vornherein Qualität, Programm oder zu erwartendes Ergebnis, indem er den Namen (die Form) über Ziel und Inhalt stellt. Das tritt vor allem auch bei Vorurteilen und Irrtümern auf. Deshalb entstand wohl als Gegenteil dazu auch die volkstümliche Formulierung „Name ist Schall und Rauch“.
Beispiele:
- Herr Meier vertritt die CDU und das spricht für Qualität
- Er ist Doktor der politischen Wissenschaften. Alle Achtung!
- Schon sein Bruder war ein bedeutender Fußballer.
Non sequitor
lat. es folgt nicht
Bei dieser rhetorischen Taktik wird im Verlauf einer Argumentation ein Punkt aufgriffen, der allerdings nicht aus dem Vorangegangenen folgt. Das kann möglicherweise ein Ablenkungsversuch sein und zur Verunsicherung führen.
Fehlschluss aufgrund wahrer Argumente, die aber die These nicht beweisen
Beispiele.:
- Da sehe ich aber noch ein Problem … Kann ich einen Kaffee haben?
- Mag sein, dass Sie Recht haben. Aber weil wir gerade dabei sind: Wissen Sie, was … ist?
- Wenn ich in Berlin bin, bin ich in Deutschland. Ich bin aber nicht in Berlin also auch nicht in Deutschland.
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Narrativ_(Sozialwissenschaften)
[2] DUDEN. Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Dudenverlag. Mannheim. Leipzig. Wien. Zürich 2001
[3] DUDEN. Band 7, S. 918f.
[4] Knigge, Adolph Freiherr von: Über cen Umgang mit Menschen. Anaconda Verlag, Köln 2011
[5] Langer, Inghard; Schulz von Thun, Friedemann; Tausch, Reinhard: Sich verständlich ausdrücken. 10. Auflage. Ernst-Reinhard Verlag, München/Basel 2015
[6] Berghaus, M.: Luhmann leicht gemacht. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2004, S. 105
[7] Quintilian: Instiitutio oratoria X. Lehrbuch der Redekunst 10. Buch. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 1974
[8] Kopperschmidt, J. (Hrsg.): Die Neue Rhetorik. Studien zu Chaim Perelman. Wilhelm Fink Verlag, München 2006
[9] Koeppler, Karlfritz: Strategien erfolgreicher Kommunikation. Lehr- und Handbuch. R. Oldenbourg Verlag, München/Wien 2000, S. 17ff.
[10] Harari, Yuval Noah: Nexus. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz. Penguin Verlag, München 2024
[11] Schneider, W.: Deutsch für Profis. Wege zum guten Stil. Goldmann Verlag. München 1991, S.
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