Vorsicht! Vorurteile!

Verallgemeinerung

Diese rhetorische Figur (auch Generalisierung) lebt vor allem von ihrer logischen bzw. plausiblen Wirkung. Aufgrund gleicher oder ähnlicher Eigenschaften werden Sachverhalte in einen übergeordneten Zusammenhang eingeordnet (Induktion).

Eine mathematische Beweismethode wird vollständige Induktion.

Die rhetorische Verallgemeinerung kann zu erhöhter Plausibilität (einleuchtende, verständliche, begreifliche Argumentation) führen.

plausibilis lat. – Beifall verdienend, auf Beifall ausgerichtet

Beispiele:

  • plausible Verallgemeinerung: Was ich da sehe hat einen Stegel, Blätter und Blüten. Also müsste es eine Pflanze sein.
  • möglicher Trugschluss: Die meisten Berliner wohnen in dicht bebauten Wohngebieten. Hans wohnt in keinem dicht bebauten Wohngebiet. Also ist er vielleicht gar kein Berliner?

Verballhornen

Der Lübecker Buchdrucker und Verleger Johann Ballhorn wurde im 16. Jahrhundert dadurch berühmt, dass er Textvorlagen falsch korrigierte. Mit dem lustigen Nebenklang auf „verbal“ bezeichnet man damit auch heute noch humorvoll das „Verschlimmbessern“. Als rhetorische Technik des Missverstehens genutzt, kann man sich damit auch über andere lustig machen.

Beispiele:

  • Gerade die arrangierten (statt: engagierten) Leute brauchen wir.
  • Kuh-libri (statt: Kolibri)
  • Sie, Herr Kollege, ignoriere (lat. ignorare – nicht kennen [wollen]) ich nicht einmal mehr. (Soll von Herbert Wehner stammen.)

Verbalkomposition

Um Dinge bzw. ihre Bestimmung bildhaft zu erläutern, können sie mit Verben verbunden werden:

Beispiele:     

  • Blumengießkanne
  • Trinkgefäß
  • Anziehsachen

Verbalstil

Die vorzugsweise Nutzung von Verben gegenüber Substantiven wirkt sich oft günstiger auf den Stil aus und bewirkt, verständlicher, überzeugender und motivierender zu sprechen. Ein besonders drastisches Beispiel, das überwunden werden sollte ist die Genitivkette aus Substantiven mit der Endsilbe -ung

Beispiele:     

  • Machen Sie jetzt die Übung mit! – stattdessen: Üben Sie jetzt!
  • Die Erneuerung der Fortschreibung und Entfaltung in der Technologisierung der Datenverarbeitung – Stattdessen: Die fortschreitende Technik…

Vereinfachte Sprech- bzw. Schriftsprache

Hier sind einige Grundsätze zur Vereinfachung[1] der Schriftsprache insbesondere im beruflichen Kontext:

  • Klarheit und Präzision: Verwende klare und präzise Sprache, um Missverständnisse zu vermeiden. Vermeide unnötige Fachbegriffe und komplizierte Satzstrukturen.
  • Aktive, statt passive Sprache: Aktive Sätze sind oft direkter und leichter verständlich.

Beispiel: “Wir werden das Projekt abschließen” statt “Das Projekt wird von uns abgeschlossen werden”.

Auch der Vorzug von Verben gegenüber sinngleichen Substantiven empfiehlt sich oft.

  • Kurze Sätze: Halte Sätze kurz und (optimal ist ein Text mit durchschnittlich bis zu 16 Wörtern pro Satz) und prägnant („auf den Punkt“). Lange Sätze können verwirrend sein und die Lesbarkeit beeinträchtigen.

Für die Gliederung von Sätzen empfehlen sich solche altbekannten Regeln wie die Reihung von Subjekt, Prädikat und Objekt (SPO-Klammer) oder der Umstandswörter (Adverbien) nach Art und Weise, Ort und Zeit (AOZ).

  • Einfacher Wortschatz: Verwende einfache und allgemein verständliche Wörter. Notwendige Fachbegriffe, Fremdwörter oder Abkürzungen sollten „übersetzt“ werden. Vermeide Fachjargon, wenn er nicht notwendig ist. Auch mit Dialekten und Mundarten sollten wir vorsichtig umgehen.
  • Struktur und Gliederung: Gliedere den Text in Absätze und benutze Überschriften, um die Struktur zu verdeutlichen. Dies erleichtert das Lesen und Verstehen. Passe dein Sprechen auch deinem Denk- und Atemrhythmus an.
  • Visuelle Hilfsmittel: Nutze Aufzählungen, Tabellen und Grafiken, um Informationen übersichtlich darzustellen. Aber auch originelle bildhafte Ausdrücke (Metaphern, Volksmund, Zitate usw.) tragen zur Verständigung bei.
  • Konzentration auf das Wesentliche: Fokussiere dich auf die wichtigsten Informationen und vermeide unnötige Details.
  • Achte auf eine konsistente (schlüssige, plausible bzw. logische) Verwendung von Begriffen und Formulierungen im gesamten Dokument.
  • Zuhörer- bzw. Leserorientierung: Denke immer an die Zielgruppe und passe die Sprache und den Stil entsprechend an.
  • Wiederhole wichtige und schwierige Gedanken und Ausdrücke gegebenenfalls in gleicher oder ähnlicher Weise. Das ist auch möglich durch erklärende Umschreibung oder Synonyme (sinnverwandte Wörter) oder bewusste Antonyme (Wörter mit entgegengesetzter Bedeutung).

Solche Grundsätze helfen dabei, Texte im persönlichen und beruflichen Kontext verständlicher und zugänglicher zu machen. Allerdings wird es wenig bringen, sie auswendig zu lernen. Viel wichtiger ist es, sie zu verstehen und sich immer wieder bewusst zu machen.

Vgl. auch Leichte Sprache

Vergleich

Ein wichtiges argumentatives Mittel ist das Vergleichen. Durch das Verknüpfen bzw. Gegenüberstellen von Sachverhalten, Dingen, Personen und Beziehungen wird es möglich,

  • Personen, ihre Positionen, Leistungen usw. wertend einzuordnen oder
  • Probleme und Abläufe anschaulicher darzustellen.

Beispiele:     

  • Die Mammute waren allgemein größer als die heutigen Elefanten.
  • Die Konzentration auf die Mathe-Klausur ist wichtiger als die Hausaufgaben in Deutsch.

Vers

lat. – versus – Umwendung, Bezeichnung für die Textzeile bzw. Strophe eines Gedichts

Verse sind vor allem in der Lyrik anzutreffen[2]. Versmaß, Rhythmus und Reim kennzeichnen z.B. Gedichte. Sie entstehen durch Hebungen (betonten) und Senkungen (unbetonten) von Silben sowie Reime (Gleichklang von Lautgruppe).

Beispiele:

  • Jambus besteht aus einem zweisilbigen Versfuß mit einer unbetonten Silbe (-) und betonten Silbe (+): Schema -/+-/+-/+-

„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ (Goethe, Erlkönig)

  • Trochäus ist ein zweisilbiger Versfuß, der aus einer betonten (+) und einer unbetonte Silbe (-): Schema +-/+-/+-

“Freude, schöner Götterfunke…” (Schiller, Ode an die Freude)

  • Endreim (Gleichklang am Versende):

„Es kann kein rechter Müller sein,

dem niemals fiel das Wandern ein.

  • Stabrein bzw. Alliteration (Gleichklang der Anlaute):

Wind und Wetter, Kind und Kegel

Verse werden auch oft als rhetorische Figuren genutzt, um Lebhaftigkeit, Originalität und Nachhaltigkeit von Texten zu fördern. Gedichte, Verse und Wendungen daraus werden oft zitiert.

Beispiel:

  • Darauf kann ich mir keinen Vers machen. D.h.: Es bleibt mir unverständlich.
  • Ein Vers wie ein Lichtstrahl.
  • Versgewitter – ein Gedicht mit vielen kraftvollen, aufeinanderprallenden Versen – emotional oder rhetorisch geladen.

Verständlichkeit

Die Verarbeitung gesprochener Informationen hängt von solchen Faktoren ab wie

  • akustische Verständlichkeit (ausreichende Lautstärke, saubere Artikulation, bewusste Rhythmik);
  • angemessene Informationsmenge und -dichte (vgl. Miller´sche = Zahl 7+/-2), angepasste Sprechgeschwindigkeit);
  • Bekanntheit der Worte (Fremdsprache, Fachworte, Dialekte);
  • nachvollziehbare Struktur des Satzes (Subjekt-Prädikat-Objekt, Satzzeichen;

Dazu hat Friedemann Schulz von Thun das Hamburger Verständlichkeitsmodell entwickelt:

Einfachheit versus Kompliziertheitgeläufige Wörter (zielgruppengerecht) anschauliche, lebendige Begriffe Fremdwörter ggf. erklären kurze Sätze, einfache Struktur sparsamer Umgang mit zusammengesetzten Substantiven
Gliederung/ Ordnung versus UnordnungEinleitung – Hauptteil – Schluss Ordnung der Sätze: Wortstellung (SPO) argumentative Strukturen, Fragen Absätze, Überschriften, Hervorhebungen Zusammenfassungen
Kürze/ Prägnanz versus Weitschweifigkeitim Extremfall ist jedes Wort notwendig Umfang auf das Wesentliche beschränkt (je nach Darstellungsform) Füll- und Blähwörter meiden nur notwendige Redundanz prägnant heißt, auf den Kern gebracht
Anregende Zusätze/ Originalität versus Gleichförmigkeit/ Monotoniekleine Zutaten/ sprachliche Verzierungen, Spannungsaufbau Sprachliche Bilder, stilistische Figuren Körpersprache Mediennutzung Dialog

An der Universität Karlsruhe wurde ebenfalls ein Verständlichkeitskonzept (Karlsruher Modell) entwickelt.

Die Klartext-Initiative geht von der Universität Hohenheim (Institut für Kommunikationswissenschaft) aus.[3] Der dort genutzt Verständlichkeitsindex betrachtet folgende Textparameter:

  • durchschnittliche Satzlänge in Wörtern,
  • durchschnittliche Satzteillänge in Wörtern,
  • durchschnittliche Wortlänge in Buchstaben,
  • Anteil der Wörter mit mehr als 6 Buchstaben,
  • Anteil der Satzteile mit mehr als 12 Wörtern,
  • Anteil der Sätze mit mehr als 20 Wörtern.

Daraus lassen sich die fünf Klartext-Basisregeln[4] ableiten:

  • Vermeiden Sie unnötig lange und komplizierte Sätze.
  • Vermeiden Sie unnötig lange, schwere und seltene Wörter.
  • Vermeiden Sie Passiv- und Nominalstil.
  • Vermeiden Sie unnötige Detailinformationen.
  • Führen Sie den Leser [Hörer] durch eine klare Struktur und einheitliche Wortwahl.

Aus wie vielen Wörtern soll ein Satz bestehen? Wolf Schneider berief sich dazu aus das Ludwig-Reiners-Schema:[5]

 Wörter pro Satzje 100 Wörter
aktive VerbenMenschenAbstrakte Substantive
sehr leicht verständlichbis 1315 und mehr12 und mehrbis 4
leicht verständlich14 – 1813 – 1410 – 115 – 8
Verständlich  19 – 259 – 126 – 99 – 15
schwer verständlich25 – 307 – 83 – 515 – 20
sehr schwer verständlich31 und mehr6 und weniger2 und weniger21 und mehr

Verve

franz.  Verve – Einfall, Laune

Gehobener Ausdruck für Begeisterung, Schwung oder leidenschaftliche Energie, besonders im künstlerischen oder rhetorischen Kontext, mitreißende Ausdruckskraft etwa auch beim Schreiben, Musizieren oder Sprechen.

Synonyme: Elan, Feuer, Leidenschaft, Dynamik, Esprit

Beispiele für das Entstehen von Verve:

  • innere Faktoren (Leidenschaft für das Thema, emotionale Beteiligung in der Situation, Empörung, Freude, Selbstvertrauen, Temperament)
  • stimmliche und sprachliche Mittel (Modulation der Stimme, Laustärke, Tonhöhe, Tempo, Akzente, Pausierung, Wortwahl und Stil
  • körperliche Präsenz (Gestik und Mimik: Haltung und Bewegung, Kontext und Publikum, Interaktion mit dem Publikum: Blickkontakt, Reaktionen auf Zuhörer und spontane Anpassungen)
  • situative Dynamik (Timing, Gespür für den Moment, Distanzverhalten).

Vier-Seiten-Modell

nach Schulz von Thun

auch Vier Ohren und vier Münder-Modell genannt

Das wird auch die Anatomie einer Nachricht genannt oder: Wenn einer etwas von sich gibt…

Beispiel:

  • Im Auto sitzt die Frau am Steuer und der Mann ist Beifahrer.
  • Mann: „Du, da vorn ist grün!“
  • Frau: „Fährst Du oder fahre ich?“

Auf jeder der Kommunikationsebene können wir bezüglich Sender und Empfänger unterschiedliche Botschaften erkennen.[6]

Vorurteile

Personen, Fakten, Erscheinungen, Meinungen usw., die vielleicht auf unzureichenden Informationen oder stereotypen Vorstellungen beruhen, können nicht selten voreilig, unreflektiert oder oberflächlich zu Vorurteilungen führen. Sie können positiv oder negativ sein, sind aber häufig mit Fehlurteilen und Diskriminierung verbunden.

So werden z.B. Menschen auf Grund ihrer äußeren Erscheinung, Abstammung (Rassismus) oder sozialen Zuordnung (Diskriminierung) mit Vorteilen belegt.

Beispiele:

  • Für die Ostdeutschen ist es typisch …
  • Das ist die Meinung alter, weiser Männer.
  • Was billig ist, kann nicht gut sein.

Vorurteile ziehen in der Regel auch die entsprechenden Verhaltensweisen nach sich.

Vulgarismus

Im allgemeinen, öffentlichen Sprachgebrauch sollten vulgäre Wörter, Wendungen und Sätze prinzipiell vermieden werden. Aber im stilistischen Sinne kommen grobe, derbe und dreister Ausdrücke, die meist auf einer niedrigen Stilebene angesiedelt sind, durchaus auch vor (Vulgarismen).

Beispiele:

  • Das ist Scheiße!
  • Fuck! (aus dem anglo-amerik. in vielfältigen Varianten)
  • Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch! (Joschka Fischer, 1984 im deutschen Bundestag)
  • ABAC – All Cops Are Bastards

Visualisierung

Menschliche Wahrnehmung und Kommunikation finden über unterschiedenen Kanälen und Medien und mit unterschiedlichen Intensitäten statt (multimediale Kommunikation).

  • visuelles Wahrnehmen (Sehen – Augen: geschätzt ca. 90%)
  • auditives Wahrnehmen (Hören – Ohren: geschätzt ca. 9%)
  • kinästhetisches (taktiles) Wahrnehmen (Fühlen – Haut: weniger als 1%)
  • thermische Wahrnehmung (Haut, Körper – Hitze, Kälte)
  • propriozeptive Wahrnehmen (Schmerzen, Druck, Hunger – Tiefensensibilität)
  • olfaktorisches Wahrnehmen (Nase – Riechen)
  • gustatorische Wahrnehmung (Mund, Zunge – Geschmack)

Sie ergänzen sich gegenseitig. Die wichtigste Unterstützung des auditiven Wahrnehmens zur verbalen Kommunikation bietet das visuelle Wahrnehmen durch

  • Körpersprache (Gestik, Mimik, Motorik usw.),
  • Bild-, Symbol- und Schriftsprache,
  • Videoübertragung usw.

Neben der natürlichen Körpersprache können vielfältige Medien zur Visualisierung (Präsentation) eingesetzt werden wie

  • Schultafel, Flipchart, Pinwand;
  • Modelle;
  • Computer und Präsentationstechnik.

Im jeweiligen medialen Rahmen ist es möglich,

  • Schrift, Symbole und Skizzen,
  • Ton- und Videotechnik sowie
  • Aufzeichnungen (Bücher, Plakate) zu nutzen.

Das Effektivitätsmodell nach Mehrabrian[7] (55% Körpersprache, 38% Stimme, 7% verbaler Inhalt)[8] verweist nicht zuletzt auf die Bedeutung der Visualisierung, aber auch auf das Paradox, dass der hauptsächliche auditive Übertragungskanal (Hören) in der direkten Kommunikation die höchste Flüchtigkeit und Störanfälligkeit typisch ist. Deshalb ist es vor allem in Lehr- und Präsentationsveranstaltungen wichtig, bewusst durch Visualisierungen zu unterstützen.


[1] Copilot – überarbeitet am 04.10.24)

[2] Stein, Ernst: Wege zum Gedicht. Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1969

[3] https://klartext.uni-hohenheim.de/ziele

[4] https://uni-hohenheim.de/klartext

[5] Schneider Wolf; Deutsch für Profis. Wege zu gutem Stil. Goldmann Verlag, Hamburg 1984

[6] Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 25 ff.

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Mehrabian

[8] Forgas, Joseph P.: Soziale Interaktion und Kommunikation. Eine Einführung in die Sozialpsychologie. Psychologie verlags Union, Weinheim 1999, S.137

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