Rabulistik – lat. rabere: toben – die Wortklauberei, Spitzfindigkeit
vgl. auch Eristik, Sophisterei, Schwarze Rhetorik
Rabulistik wird abwertend für hinterhältige, unfaire rhetorische Techniken und Taktiken verwendet. Sie bezieht sich auf ein Diskussionsverhalten, bei dem es immer nur darauf ankommt, unabhängig vom Inhalt, nur selbst Recht zu behalten. Leere Worthülsen, Halbwahrheiten, verdeckte Fehlschlüsse, das Einbringen diskussionsferner Aspekte, falsche Interpretationen oder das permanente Anhäufen immer neuer Argumente sind typisch für Rabulisten.
Solche Verhaltensweisen gab es bereits bei den antiken Sophisten und haben auch in der Folgezeit dem Namen der seriösen Wissenschaftsdisziplin Rhetorik sehr geschadet. Es kommt nicht von Ungefähr, dass der Philosoph Artur Schopenhauer es sich verbat, sein Buch über die Rechthaberei zu seinen Lebenszeiten zu veröffentlichen. [1] Es gilt noch heute als das Handbuch der Eristik.
Redeformen
In der Antike wurden folgende Redeformen unterschieden: [2]
- beratende (deliberative) Rede wie heute z.B. Lehrervortrag, Predigt, Wahlkampfrede; – auf die Darstellung von Vor- und Nachteilen zielen;
- demonstrative (Prunk-, Lob-, Würdigungs-) Rede wie z.B. Laudatio, Grabrede, ehrende Ansprache; – gemeinsame Werte hervorhebend;
- forensische (gerichtliche) Rede wie z. B. Anklage, Plädoyer, Urteil – Schuld oder Unschuld darstellend.
Im antiken Rom die Deklamation als eine Art der demonstrativen Rede in besonderer Weise gepflegt. Personen, Themen, Anlässe wurden für die rhetorische Ausbildung aufgegriffen, diskutiert und im Sinne öffentlicher Meinungsbildung weitergetragen.[3]
Beispiel:
- Demosthenes – Kranzrede: berühmte politische Rede von Demosthenes, gehalten 330 v.Chr. gegen seinen Gegner Aischines und die makedonische Expansion unter Philipp II.
- Nach dem Attentat auf Gaius Iulius Caesar am 15. März 44 v. Chr. – den berühmten „Iden des März“ – folgten mehrere bedeutende Reden, die die politische Lage in Rom dramatisch beeinflussten[4] wie die Leichenrede (Funus Caesar) von Marcus Antonius, die Philippischen Reden von Cicero oder die Reden der Verschwörer Cassius und Brutus.
- Die zweitausend Jahre alte Bergpredigt von Jesus Christus dürfte noch immer eines der wichtigsten überlieferten (oder nachempfundenen) Redemanuskripte der Geschichte sein.[5]
Beispiele aus der Vielzahl der heute gebräuchlichen Redeformen:
- Wahlkampfrede,
- Vorlesung (Lehrvortrag an Hochschulen),
- Laudatio (Ehrung im Zusammenhang mit Preisverleihungen),
- Grabrede,
- Fachvortrag (auf wissenschaftliche Konferenzen oder zur Weiterbildung),
- Nachrichten und Kommentare in Rundfunk und Fernsehen,
- E-Books, Podcasts usw.
Eine der wichtigsten Beispiele für das öffentliche Redetraining begannen die TEDTalks als jährlich stattfindender Innnovationskonferenzen in Kalifornien, die seit der 1970er Jahren im Fernsehen übertragen wurden und noch heute als Internetplattform mit großer weltweiter Anteilnahme bestehen.[6]
Siehe dazu auch das offizielle Handbuch „Die Kunst der öffentlichen Rede“.[7]
Redefreiheit
Rosa Luxemburg: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei … ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur die Freiheit der anders Denkenden.“[8]
Ohne Redefreiheit gibt es keine Demokratie. Und ohne Rhetorik lässt sie sich nicht durchsetzen. Wie sich das in unserer Zeit der medialen Revolution und unter den Bedingungen einer vernetzten Welt realisiert, beschrieb Timothy Garton Ash in seinem Buch „Redefreiheit“, für das er 2017 den Europäischen Karls-Preis erhielt.[9]
„Trotz aller Wunder wird die größte Bandbreite menschlicher Kommunikation immer noch ausschließlich in der persönlichen Begegnung erreicht.“ Nur hier wirkt die ursprünglich Macht der Sprache mit den physischen Signalen zusammen, die wir bezeichnenderweise „Körpersprache“ nennen.[10]
Die Redefreiheit ist ein Grundrecht, das allen Menschen das Recht zusichert, seine Meinung jederzeit frei und ohne Gefahr zu äußern und bei Versammlungen oder ähnlichen Gelegenheiten mitzureden.
In der amerikanischen Verfassung ist die Redefreiheit durch den 1. Zusatzartikel (First Amendment) der Bill of Rights garantiert. Dieser wurde 1791 verabschiedet und zählt zu den grundlegendsten Rechten in den Vereinigten Staaten.
Das wurde zum Vorbild vieler anderer demokratischer Staaten und umfasst
- Redefreiheit (Freedom of Speech): Bürger dürfen ihre Meinung frei äußern – auch kritisch gegenüber der Regierung.
- Pressefreiheit: Medien dürfen unabhängig berichten.
- Versammlungsfreiheit: Menschen dürfen sich friedlich versammeln.
- Petitionsrecht: Bürger können Beschwerden an die Regierung richten.
Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist die Redefreiheit im Artikel 5 festgeschrieben:
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung. [11]
Redefreiheit ist eine der wichtigsten geistigen Errungenschaften der Menschheit.
Redekultur
Redekultur bezeichnet die Art und Weise, wie Menschen miteinander sprechen, diskutieren und kommunizieren. Sie umfasst die Qualität von Reden, die Fähigkeit zur freien Rede, die rhetorischen Fähigkeiten und die allgemeine Gesprächskultur in einer Gesellschaft.
Die Redekultur betrifft insbesondere die Art und Weise, wie öffentliche Reden gehalten und eingesetzt werden. Sie umfasst sprachliche und sprecherische Anforderungen, insbesondere
- die Qualität der Kommunikation mit ihren Zielen, Inhalten und Formen sowie in den jeweiligen Kontexten der Gesellschaft;
- die rhetorischen Fähigkeiten der Redner und die Kompetenzen zum öffentlichen Disput,
- Präsentationstechniken und mediale Möglichkeiten. [12]
Eine gute Redekultur ist wichtig für die Qualität der Reden in Politik, Wirtschaft und anderen Bereichen. In diesem Zusammenhang sollte auch die Political Correctness erwähnt werden, die als Spielart der Bürgerrechtsbewegung darum bemüht ist, Benachteiligungen von Minderheiten und politischen Randgruppen zu beseitigen. Allerdings gibt es auch Kritik am Konzept der Political Correctness:
- Einschränkungen in der Meinungsfreiheit,
- Überregulierung, insbesondere durch neue Sprachregelungen,
- Verwirrungen durch veränderte Bergriffe und Wendungen;
- passive Aggressivität durch Vorurteile und unterschiedliche Werte.
Redenkultur sollte sich vor allem auszeichnen durch
- Verständlichkeit durch zielgruppengerechte Wortwahl und Textstrukturen;
- gegenseitiger Respekt und zwischenmenschliche Achtung;
- Dialog zwischen den Partnern;
- Verhinderung von Hetze, Diskriminierung, Lügen und Informationsmissbrauch;
- Gleichberechtigung zwischen Geschlechtern, sozialer Herkunft, Alter und Kulturen.
In Deutschland wird die Redekultur oft mit der politischen Debattenkultur, Unternehmenskommunikation und öffentlichen Reden in Verbindung gebracht. Während in manchen Ländern leidenschaftliche Debatten üblich sind, wird in Deutschland oft eine sachliche und zurückhaltende Art der Rede bevorzugt
Redenschreiber
Spezialist, der den Text für eine Rede erarbeitet, die er selbst nicht hält. Im antiken Griechenland gab es bereits den Beruf des Logographen (vgl. Demosthenes[13]). Heute nennt man es Auftragsschreiber, Ghostwriter oder im weiteren Sinne Spindoctor (Kommunikations- und Medienberater einer Persönlichkeit bzw. Kommunikationsbeauftragter).
In Deutschland gibt es die Berufsvereinigung Verband der Redenschreiber deutscher Sprache.[14]
Heute ist es möglich, unter Berücksichtigung bestehender Probleme, Redevorbereitungen auch mit Hilfe Künstlicher Intelligenz zu betreiben.[15]
Redezeit
Damit kann sowohl die tatsächlich für eine Rede benötigte Zeit (z.B. angemessen oder zu lang) gemeint sein, als auch die festgelegte zeitliche Begrenzung für eine Rede:
Beispiele:
- Deutscher Bundestag:
„Wie viele Abgeordnete in einer Debatte reden dürfen, hängt von der Größe ihrer Fraktion ab (> Berliner Stunde, > Zwischenfrage). Je größer die Fraktion, umso mehr Redezeit erhält sie und umso mehr Abgeordnete können ans Mikrofon treten. Welcher Abgeordnete von den Fraktionen zu einem bestimmten Thema reden darf, wird jeweils fraktionsintern entschieden. Bei Mitgliedern von Bundesregierung und Bundesrat gilt formal keine Beschränkung für die Redezeit. Sie dürfen nach dem Grundgesetz jederzeit das Wort im Plenum ergreifen. Allerdings hat es sich aus Fairness gegenüber der Opposition eingebürgert, dass die Redezeit von Regierungsmitgliedern auf die der Regierungsfraktionen angerechnet wird. Diese Regel gilt allerdings nicht für Regierungserklärungen, in denen der Bundeskanzler oder ein Bundesminister die Politik der Bundesregierung darlegt. Auch wenn ein Vertreter des Bundesrats das Wort ergreift, wird seine Redezeit je nach Parteizugehörigkeit auf die Zeit der betreffenden Fraktion angerechnet. Der Sitzungspräsident wacht streng über die Einhaltung der Redezeit. Notfalls entzieht er dem Abgeordneten das Wort.“ [16]
- Seminarbeitrag mit festgelegter Zeitdauer
Vor allem aus organisatorischen Gründen und im Interesse des Vergleichs der Leistungen bietet es sich oft an, dass die Redezeiten zeitlich begrenzt werden. Das kann vor allem bei Prüfungen der Fall sein. Bei Überschreitung kann ein Abbruch festgelegt werden.
- Auch bei Dienstberatungen, Meetings, Verhandlungen usw. ist es oft zweckmäßig, die Beiträge im Rahmen einer Agenda zeitlich zu begrenzen.
- Bei größeren Konferenzen kann der Zeitplan im Zusammenhang mit thematischen Schwerpunkten, Pausen oder besonderen Aktivitäten (z.B. Filmeinblendung oder Zwischenauswertungen) erfolgen.
Rednerinnen und Redner der Antike[17]
Einige der wichtigsten Beispiele für Rednerinnen und Redner in der griechisch-römischen Antike und Besonderheiten ihrer Redekunst
Hier eine Liste (Ariane Willikonski) von bekannten antiken Rednern und Rhetorikern zusammengestellt haben. Jeder dieser Persönlichkeiten hat auf seine eigene Weise zur Entwicklung der Rhetorik und der Kunst der überzeugenden Kommunikation beigetragen. Diese Redner haben ihre Fähigkeiten genutzt, um politische, juristische und philosophische Argumente zu formulieren und das Publikum zu beeinflussen. Rhetorik spielte eine entscheidende Rolle im antiken Griechenland und hat bis heute Einfluss auf moderne Kommunikationspraktiken.
Aelius Aristides (117–181 n. Chr.) – Griechischer Redner und Schriftsteller, bekannt für seine lebendigen und bildhaften Beschreibungen.
Aischines (389–314 v. Chr.) – Redner und politischer Gegenspieler des Demosthenes, bekannt für seine rhetorischen Fähigkeiten und seine schlagfertige Argumentation.
Alkibiades (450–404 v. Chr.) – berühmter Athener Politiker und Redner, bekannt für seine charismatische Präsenz und seine Fähigkeit, Menschen zu begeistern und zu überzeugen.
Antiphon (480–411 v. Chr.) – einer der ersten berühmten Redner im antiken Athen, bekannt für seine überzeugende und logische Argumentation.
Aspasia (um 470–400 v. Chr.) – einflussreiche Frau mit außergewöhnlichen rhetorischen Fähigkeiten, die als Beraterin und Lehrerin in der politischen und intellektuellen Gesellschaft Athens wirkte.
Catilina (108–62 v. Chr.) – bekannt für seine flammenden, rebellischen Reden, die die sozialen Spannungen der Zeit aufgriffen.
Cato der Ältere (234–149 v. Chr.) – Stand für Klarheit und Direktheit in seinen Reden, die oft auf tugendhaftes Verhalten abzielten.
Cicero (106–43 v. Chr.) – Meister der Rhetorik, bekannt für eloquente und überzeugende Reden, die sowohl intellektuell anspruchsvoll als auch emotional ansprechend waren.
Demosthenes (384–322 v. Chr.) – herausragender Redner mit scharfer Argumentation und der Fähigkeit, mitreißende Reden zu halten, die das Publikum begeisterten und zum Handeln anspornten.
Deinarchos (um 361–291 v. Chr.) – einer der bedeutendsten Redner der späten klassischen Periode, bekannt für seine rhetorische Begabung und seine politischen Reden.
Gaius Gracchus (154–121 v. Chr.) – nutzte starke emotionale Appelle, um Unterstützung für seine sozialen Reformen zu gewinnen.
Gorgias (um 483–375 v. Chr.) – Sophist und Rhetoriker mit ausgefeiltem und kunstvollem Schreibstil, Meister der Überzeugungskraft und der bildhaften Sprache.
Herodot (um 484–425 v. Chr.) – Historiker und Rhetoriker, dessen Schriften als Meilensteine der Geschichtsschreibung und der klassischen Rhetorik gelten.
Hypereides (um 390–322 v. Chr.) – Redner und Politiker im antiken Athen, bekannt für seine energischen und leidenschaftlichen Reden.
Hypatia (um 360–415 n. Chr.) – ihre Reden reflektierten neuplatonische Philosophie und betonten die Bedeutung von Wissen und Erkenntnis.
Isaeos (um 420–350 v. Chr.) – bekannt für seine juristischen Reden, die für ihre klare Struktur und überzeugende Argumentation geschätzt werden.
Isaios (um 420–350 v. Chr.) – Redner und Anwalt im antiken Athen, der sich auf juristische Reden spezialisierte und für seine scharfe Argumentation und sein tiefes Verständnis des Rechtssystems bekannt war.
Isokrates (436–338 v. Chr.) – griechischer Redner und Rhetoriker mit elegantem Schreibstil und der Fähigkeit, komplexe Ideen verständlich darzustellen.
Lysias (um 459–380 v. Chr.) – bekannt für klaren und prägnanten Stil, gilt als einer der größten Meister der Gerichtsrede.
Perikles (um 495–429 v. Chr.) – bekannt für seine überzeugenden rhetorischen Fähigkeiten, die es ihm ermöglichten, das Volk zu mobilisieren und sein politisches Programm erfolgreich umzusetzen.
Quintilian (um 35–100 n. Chr.) – betonte die Bedeutung von Ethik und Charakter in der Rhetorik und förderte einen ausgewogenen Ansatz.
Spartacus (um 111–71 v. Chr.) – seine einfache, aber mitreißende Rhetorik mobilisierte die Sklaven zu einer mutigen Revolte gegen das Römische Reich.
Thrasymachos (um 459–400 v. Chr.) – Sophist und Redner, der für seine rhetorische Brillanz und seine Fähigkeit, kontroverse Standpunkte zu vertreten, bekannt war.
Thukydides (um 460–395 v. Chr.) – Historiker und Redner, dessen Schriften als Meisterwerke der klassischen Rhetorik gelten.
Xenophon (um 431–354 v. Chr.) – griechischer Historiker, Philosoph und Redner, bekannt für seine klare und prägnante Ausdrucksweise sowie seine Fähigkeit, komplexe Ideen verständlich zu vermitteln.
Redner-Typen
Die Einteilung von Rednern und Rednerinnen kann nach unterschiedlichen Gesichtspunkten erfolgen.
Nach Temperamentstypen:
Der vulgärmaterialistische Arzt Hippokrates (um 460 bis 370 v. Chr.) war der Auffassung, dass Persönlichkeiten psychisch durch die Mischung ihrer „Körpersäfte“ geprägt werden. Ausgehend von den mentalen Grundrichtungen offen bzw. geschlossen sowie stabil bzw. labil entwickeln sich daraus vier Temperamente (Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker, Melancholiker) und aus deren Mischung wiederum Charaktertypen, die vor allem mit ihrem Kommunikationsverhalten erkennbar werden. Ein sanguinischer Redner tritt vor allem lebhaft und partnerbezogen, während ein phlegmatischer Redner eher verhalten und überlegend wirkt. Ein cholerischer Redner ist oft aufbrausend und kraftvoll, während ein melancholischer Redner sehr emotional und oft auch pessimistisch erscheint.
| offen (extrovertiert) | |||
| s t a b i l | Sanguiniker engagiertsouveränkooperativFreie Rede | Choleriker beherrschendspontanmotiviertStegreifrede | l a b i l |
| Phlegmatiker perfektionistischsachbetontindividualistischManuskriptrede | Melancholiker argumentativgefühlsabhängigemphatischManuskriptrede | ||
| geschlossen, zurückhaltend (introvertiert) | |||
Daraus ergeben sich dann typische Kommunikationsverhalten[18]:
- diktatorisch: führend, keinen Widerspruch duldend
- patriarchalisch/matriachalisch: vorgebend, führend, hilfreich
- kooperativ: dialogisch, kollegial, ausgleichend
- demokratisch: pars pro toto, abstimmend
- gleichgültig (Laissez faire)
Nach pragmatischen Gesichtspunkten (Varianten):
- sicherheitsorientierter Manuskriptredner, der meist ohne Blickkontakt zum Publikum abliest (zu schnell oder zu langsam, wenig flexibel, pedantisch);
- improvisierender Manuskriptredner – liest zunächst zur Sicherheit ab, neigt dann aber dazu, sich vom Manuskript zu lösen, mit der Gefahr, irgendwann die Gliederung aus dem Blick zu verlieren;
- unvorbereiteter, frei improvisierender Redner, der ohne Manuskript mehr oder weniger gut sein Mögliches tut;
- souveräner Stichwortredner – planmäßig (z.B. Fünfsatz-Struktur), routiniert, interessant, dialogisch und weitgehend überzeugend (mit oder ohne Zettel, PowerPoint-Präsentation, Tafelskizze) weitgehend improvisiert;
- narrativer Fachmann – weiß viel und will alles sagen, überfordert die Zuhörer durch Ausführlichkeit der Erzählung;
- aufgeregter Anfänger – hohes Sprechtempo, viele äh und mäh, Versprecher, wirkt unsicher und wenig überzeugend,
- charismatische Vielredner und ausschweifender Selbstdarsteller in Gegenüberstellung zu leidenschaftslosen „Langweilern“.
Redundanz
lat. redundare, überlaufen, sich reichlich ergießen“, redundantia – Überfluss, Überfülle
Redundant sind diejenigen Informationen oder Daten, die in einer Botschaft mehrfach vorhanden, und damit oft eigentlich überflüssig sind. Eine Informationseinheit ist dann redundant, wenn sie weggelassen werden kann, ohne dass ein Verständigungsverlust entsteht.
Mehrfachen Nennungen bzw. Be- oder Umschreibungen von Informationen, die für das Verständnis des Gesamtkontextes nicht unbedingt notwendig sind, stellen aber auch ein wichtiges Mittel der Rhetorik dar. Wiederholungen, Erweiterungen und Ausschmückungen sind oft sogar erforderlich und fördern die Verständlichkeit.. Deshalb wird zwischen zweckmäßiger und unnötiger Redundanz unterschieden.
Bespiele:
- Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde der Musik und insbesondere der italienischen Oper …
- Dieser Wald, vor dem wir hier stehen…
Wir leben unter überredundanten Bedingungen (direkte Kommunikation, Kommunikationsmedien, Internet) und das hat in der letzten Jahrzehnten enorm zugenommen.
„Ein einzelner Mensch kann unmöglich auch nur einen Bruchteil dieser Datenflut bewältigen. Wir benötigen und benutzen eine verschwindend kleine Menge dieser Daten, die als Informationen für uns wichtig, hilfreich oder einfach angenehm sind… In dieser Situation gerät er leicht in die Kommunikationsfalle: Wer immer auf Empfang ist, versteht bald gar nichts mehr. Wir sind overnewsed und underinformed.“[19]
Das gilt sowohl im gesellschaftlichen Rahmen, als auch häufig in einem ganz begrenzten, individuellen Zirkel. Aus diesem „informationellen Sisyphos-Syndrom“ der Informationsüberflutung (Grenze liegt geschätzt bei etwa 2%) scheint es aus Sicht der Rhetorik nur drei Auswege zu geben:
- ausblenden;
- verwerfen und
- gewichten.
Beispiele Redundanz in Verbindung mit verschiedenen Stilfiguren:
- Tautologie: Diesen Baum müssen wir fällen, weil er im Wege steht, und deshalb gefällt werden muss.
- Wiederholung: Alles, was wir wollen ist der Frieden, der Frieden und noch einmal der Frieden.
- Ausschmückung: Der Baum ist eine hölzerne Pflanze, deren Wurzeln in der Erde stecken und deren Äste in den Himmel ragen.
- Die Kreiszahl , eine reelle mathematische Konstante, auch Ludolphsche Zahl oder Archimedes-Konstante genannt, ergibt sich rechnerisch aus dem Verhältnis von Kreisumfang und Kreisdurchmesser und beträgt annähernd, gerundet auf die ersten 10 Nachkommastellen 3,1415926536, wobei bisher noch etwa weitere 12,8 Billionen weitere Stellen bekannt sind, aber Archimedes damals pragmatisch eine Näherung von 22:7 vorschlug.
Regeln der Rhetorik
In einer großen Zahl von einschlägigen Fachveröffentlichungen werden Erfahrungen und Kunstgriffe der Rhetorik vermittelt, die in Abhängigkeit vom eigenen Talent des Redners( der Rednerin und der psychischen Situation (z.B. bei Lampenfieber) aufgegriffen werden können. Es wäre jedoch überzogen, einen theoretisch fundierten und generell gültigen Katalog rhetorischer Regeln zu erwarten. Versuche dazu gab es bereits in der Antike, die lange danach noch gelehrt und weiterentwickelt wurden.
Beispiele:
- Cicero (106- 43 v. Chr.): Orator. Der Redner[20]
- Quintilian (35 – 100 n. Chr.): Institutio oratoria. Lehrbuch der Redekunst[21]
- Luther, Martin: Eigenschaften und Tugenden eines guten Predigers
- Bredemeyer: Der Rede-Code – 10 Grundregeln der Kommunikation[22]
Martin Luther schrieb:[23]
„Eine guter Prediger soll diese Eigenschaften und Tugenden haben: Zum ersten, daß er einen fein richtig und ordentlich lehren könne. Zum zweiten soll er einen feinen Kopf haben. Zum dritten wohl beredt sein. Zum vierten soll er eine gute Stimme haben. Zum fünften ein gut Gedächtnis. Zum sechsten soll er wissen aufzuhören. Zum siebenden soll er seines Dinges gewiss und fleißig sein. Zum achten soll er Leib und Leben, Gut und Ehre dran setzen. Zum neunten soll er sich von jedermann lassen vexieren und verspotten.“
Und in kürzerer Fassung:
„Denn es sind drei Stücke, wie man sagt, die einem guten Prediger gehören: zum ersten, dass er auftrete; zum andern, dass er den Mund auftue und etwas sage; zum dritten, daß er auch aufhören könne.“[24]
Als Grundregel der Rhetorik („Schulmeisterspruch“) bezeichnete er:
„Rem tene, verba sequentur.“ Die Sache (Sachkenntnis) hat den Vorrang gegenüber dem Wort.“[25]
Wesentlich für die Ordnung in der rhetorischen Kommunikation sind nach wie vor die fünf metakommunikativen Axiome von Watzlawick.[26]
Als Grundsätze gelten heute noch
- Vielfalt der Sprache nutzen.
- Einfachen Satzbau praktizieren, d.h. kurz und übersichtlich geordnet.
- Gute Alltagssprache pflegen, d.h. einfach, verständlich und angemessen.
- Situationsgerecht sprechen, d.h. partnergerecht und flexibel.
- Sparsam mit Superlativen, Adjektiven, Fremdworten usw. umgehen.
- Einheit von verbalen und nonverbalen (körpersprachlichen) Möglichkeiten.
- Sprachliche und optische Bilder nutzen.
Es wird sich jedoch in der Regel um konkretere praktische Ratschläge aus individuellen Erfahrungen und unter verschiedenen situativen Bedingungen handeln.
Beispiele:
- Rede möglichst kurz!
- Trainiere vor allem Start und Abschluss!
- Atme sinnbezogen, d.h. entspannt und mit verständnisfördernden Pausen.
- Wirke begeistert von der Sache und sei selbstbewusst!
- Sprich nicht überzogen hoch, sondern mit alternierender Melodie.
- Benutze nachvollziehbare Beispiele!
- Konzentriere Dich auf die Kernbotschaft! Spanne den Roten Faden!
- Sei locker und authentisch!
- Keine Angst vor dem Lampenfieber!
- Vereinfache den Test! Sprich bildhaft!
- Pflege Dein Äußeres!
- Geht auf das Publikum ein!
- Informiere und unterhalte!
- Vermeide Unwahrheiten!
- Nutze methodische und technischer Hilfsmittel!
Anmerkungen:
- Alle Regeln sind nur sinnvoll, wenn sie in der konkreten Situation zweckmäßig angewendet werden. Deine eigenen Gedanken haben Vorrang.
- Erfahrungen, die den Regeln widersprechen, sind wichtiger, als sich bedingungslos an Regeln zu halten.
- Lerne die Regeln, und dann vergiss sie!
Regelhaftigkeit lässt sich eher erkennen, wenn es sich um Theorien, konkrete Formen und Techniken der Rhetorik handelt. So beschäftigten sich z.B. Chaim Perelman und Lucie Olbrechts-Tyteca mit den Grundlagen und Regeln für die Argumentationstheorie und nannten es „Neue Rhetorik“.[27]
Reim
Der Gleichklang der Endsilben von Versen ist typisch für eine Gedicht. Aber der Reim kann auch als Stilfigur in der Rhetorik genutzt werden. Das erregt Aufmerksamkeit durch sprachliche Originalität und fördert Eindringlichkeit der Gedankenführung.
Reime finden vor allem in der Lyrik (Gedichte) Anwendung, sind aber auch für die Rhetorik anwendbar, insbesondere in Zitaten.
Vielseitige Varianten sind möglich wie z.B.
- reiner oder unreiner Reim,
- Stabreim (Alliteration),
- Schüttelreim,
- Paarreim, Kreuzreim, umarmender Reim, Binnenreim, Endreim usw.
Beispiele:
- Bertold Brecht: Kälbermarsch (1943)
Hinter der Trommel
trotten die Kälber.
Das Fell für die Trommel
liefern sie selber.
- Reim´ mich oder ich fress´ dich! (Volksmund)
Reimschema (Reimfolge innerhalb eins Gedichtes)
- Paarreim (aabbcc)
- Kreuzreim (abab)
- umarmender Reim (abba)
Reiners-Schema[28]
Satzlänge und Sprechtempo stehen in wichtigem Zusammenhang mit der Verständlichkeit und Zweckmäßigkeit gesprochener Texte
Unsere Wahrnehmungsfähigkeit ist hinsichtlich der Zeit und der Menge an Informationen begrenzt. Mit der Miller´schen Zahl wird darauf hingewiesen, dass unser Kurzzeitgedächtnis nur ca. 7 +/- 2 Einheiten (Chunks) aufnehmen und verarbeiten kann. Das bedeutet, dass die Länge gesprochener Sätze/Gedankenblöcke hinsichtlich ihrer Verständlichkeit besonders wichtig ist.
Eine Faust-Formel dazu (nach Reiners) lautet:
- bis zu 13 Worte/Satz gilt als sehr leicht verständlich,
- 14 – 18 Worte sind leicht verständlich,
- 19 – 25 Worte nur als bedingt verständlich und
- ab 26 Worte sind schwer verständlich.
Auch Atem-/Denkpausen für die gesprochene Sprache elementare Bedeutung. Sie trennen Sinnblöcke voneinander und erleichtern deren sinnliche Verarbeitung. Und wenn wir dann noch ein durchschnittliches Sprechtempo von 90 – 120 Worten/Minute annehmen, heißt das, wir sollten bei 5 bis 9 Sätzen/Minute bleiben, um gut verständlich zu sprechen.
Replik
lat. replicatio – Rückbewegung
Erwiderung auf Äußerungen, Thesen, Behauptungen usw. eines/einer anderen
In der Rechtssprache ist es Gegenrede, besonders des Klägers oder der Klägerin auf die Verteidigung des Angeklagten.
In der Kunst nennt man Replika bzw. Replikat die Nachbildung eines Originals (oft im abwertenden Sinne)
Repetieren
lat. re-petere – erneut verlangen, auf etwas zugehen
Wiederholung, Lernen durch Wiederholung (vgl. Repetitor – Hilfslehrer in einer Lerngruppe) – Repitio est mater stusdiorum – Die Wiederholung ist die Mutter der Studien (auch: der Weisheit)
Rhesis
griech. Rede, das Reden, das Sagen, Plur. Rheseis
Damit wurde in der griechischen Tragödie ein längerer Sprechteil bezeichnet.
Und nun wird auch deutlich, was es bedeutet, wenn ein Sachse sagt: „Mach keenen Rees.“
Rhetorik
Es gibt viele unterschiedliche Versuche der Beschreibung und Ausdeutung des Begriffes Rhetorik, so dass die Beschreibungen an diesem Ort nur beispielhaft bleiben können.
Rhetorik in der Antike
Die Rhetorik wird vor allem als Lehre von der wirkungsvollen Gestaltung der Rede verstanden.[29] So soll im 5. Jahrhundert vor Christus in Sizilien entstanden sein, als sich nach dem Sturz der mehr als 250 Jahre währenden Tyrannis demokratische Gesellschaftsformen herausbildeten.
Als erste Rhetoren gelten Korax und sein Schüler Teisias. Sie verfassten ein System von Regeln und Vorschriften, um systematisch und kunstgerecht zu sprechen. Das griffen die griechischen Sophisten auf, und die Römer übernahmen es gemeinsam mit der Dialektik (Kunst der Gesprächsführung) von ihnen als Ars techne und ausgangs der Antike ging die Rhetorik in die Lehre christlichen Kirche ein.
Im Rahmen der „Septem artes liberales“, d.h. des Lehrkanons der „Sieben freien Künste“ wurde auch die Rhetorik bis in die Neuzeit und letztlich auch in unsere Tage fortgesetzt.
Als wesentliche Wirkungsbereiche betrachtete die antike Rhetorik als ihre Säulen Ethos, Pathos und Logos.
Natürlich entstanden rhetorische Lehren auch in anderen Regionen der Welt. So finden sich u.a. in Japan seit dem 10. Jahrhundert in der Literatur und Liturgie des Zen-Buddhismus verschiedene rhetorische Strategien. Der japanische Terminus für das griechische Wort Rhetorik heißt Shujigaku.
Daran anknüpfend hat sich auch in China seit dem 19. Jahrhunderts eine Lehre vom Zurechtlegen der Worte entwickelt (Xiucixue).
Auch im arabischen Raum haben sich bereits im Mittelalter Stilistik und Rhetorik entwickelt, u.a. beeinflusst von der Antike Griechenlands und Roms.
In der überwiegend christlich geprägten Neuzeit des Abendlandes gehörte die Rhetorik zu den Septem artes liberales – den sieben freien Künsten – und bildete zusammen mit der Dialektik/Logik und der Grammatik das Trivium als sprachliche Grundlage der Wissenschaften und des wissenschaftlichen Studiums.
Im anglo-amerikanischen Sprachraum spielte seit dem 19. Jahrhundert eine herausragende Rolle. Eine besondere Tradition sind die Toastmasters Clubs, die sich der Kunst des öffentlichen Redens widmen. Daraus entwickelte sich eine weltweitere Organisation mit Mitgliedern in 143 Ländern.
Eine weitere weltweite Initiative sind die TED-Konferenzen (TED-Talks)[30], bei denen es darum geht, rhetorisch wirksam und nach bestimmten Regel Ideen zu verbreiten.
In der Antike die Kunst (ars, techne) der Überredung (überzeugenden Rede)
- Betrachtungsebenen: Logos, Ethos, Pathos
- oft im Zusammenhang mit Dialektik (Gesprächsführung) genannt[31]
- Bestandteil der Septem Artes Liberales (Sieben Freie Künste)
Beispiele:
- Aristoteles. Rhetorik. W. Fink Verlag, München 1995
- Cicero: Orator – der Redner. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2004
- Quintilian: Institutio oratoria. Lehrbuch der Redekunst – 10. Buch. Pilipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1974
- Augustinus, Aurelius: Dreizehn Bücher Bekenntnisse. Carl Johann Perl Verlag, Paderborn 1964
- Lehmann, Gustav Adolf: Demosthenes von Athen. Ein Leben für die Freiheit. Biografie. C. H. Beck Verlag, München 2004
Sokrates zweifelte an der Berechtigung, die Rhetorik eine Kunst zu nennen, da sie keinen Gegenstand außer der rede hätte, und die braucht immer einen konkreten Inhalt. (nach Platon)[32]
Humanistische Rhetorik der Renaissance und des Humanismus
Anfang des 15. Jahrhunderts und nach dem Wiederauffinden vergessener oder zeitweilig verlorener Werke etwa von Aristoteles, Cicero, Quintilianus oder Augustinus erlangte die Rhetorik eine wichtige Rolle in den Wissenschaften. Humanistische Gelehrte wie Erasmus von Rotterdam, Philipp Melanchthon und Martin Luther nutzten sie nicht zuletzt bewusst zum konfessionellen Streit der Reformation zwischen Katholiken und Protestanten.
Dagegen stellten sich in der Gegenreformation vor allem die Jesuiten mit einer entsprechenden Ausbildung in den eristischen Künsten mit fast schon militärisch organisierten Wettkämpfen.[33]
Rhetorisch war stets vor allem die Sprache der Mächtigen, während das Volk „sprachlos“ und „unmündig“ bleiben sollte, „mundtot“ gemacht wurde, d.h. manipuliert. Aber es gab auch immer eine Rhetorik des Widerstandes und der geistigen Befreiung.
Als Homiletik entstand durch die Kirche eine Redelehre für das Predigen
Beispiel:
- Luther als Reformator mit seiner Rhetorik des Herzens[34] und der volksverbundenen Übersetzung der Bibel,
- Ökumenischer Predigtpreis Bonn.[35]
Goethe: „Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen, wenn es nicht aus der Seele dringt und mit urkräftigem Behagen, die Herzen aller Hörer zwingt.“[36]
Rhetorik in der Neuzeit
Während des 18. und 19. Jahrhunderts verlor die Rhetorik für die Bildung in Deutschland zunächst erst einmal an Bedeutung. Mit der Überwindung des Feudalismus und dem Aufkommen demokratischer Strukturen im Kapitalismus erfuhr sie jedoch neue Impulse. Vor allem das Entstehen von Massenkommunikation im 20. Jahrhundert (Presse, Rundfunk) spielte dabei eine wichtige Rolle.
Im Nationalsozialismus wurde die Rhetorik bewusst und systematisch zur Manipulation mit Rassismus, Völkerhass und psychologischer Kriegsausrüstung missbraucht. Es entstand ein flächendeckendes System der rhetorischen Ausbildung von Führungskadern der NSDAP, deren Führer wie Hitler[37], Himmler oder Goebbels[38] selbst herausragende Redner waren.[39] Fritz Reinhardt gründete dafür bereits 1928 die Fernuniversität für Propaganda als offizielle Rednerschule.
Eduard Schüttpelz: Redekunst
„Königin der Künste und der Erziehung, technische Virtuosin, Dienstleisterin für alle und jeden, die das Gerade krumm biegen wird und das Krumme gerade … Durch drei Formulierungen hat sich die Redekunst von alters her definiert: als Kunst der überzeugenden Rede; als Vermögen der Seelenwanderung, der Affekterregung; und als Fähigkeit, die schwächere Sache zur stärkeren zu machen … Es gibt kaum ein anderes antikes Wissen, das die Zeit so gut überstanden hat wie das der Rhetorik.“[40]
In der Gegenwart wird Rhetorik immer deutlicher eine Theorie und Praxis zur Optimierung der zwischenmenschlichen Kommunikation (einschließlich Massenkommunikation).
Rhetorische Kompetenz (mediale Kommunikationsbefähigung) ist längst zu einer Schlüsselqualifikation in vielen gesellschaftlichen und beruflichen Bereichen geworden.
Rhetorik als Produkt sozialer Prozesse und Notwendigkeiten – Homo rhetoricus[41] – Menschen sind in der Lage zur Metakommunikation, d.h. über die Gesetze und Grundsätze zwischenmenschlicher Kommunikation nachzudenken und sie mehr oder weniger bewusst anzuwenden
Gegenstände:
- Rede (einseitige Kommunikation)
- Gespräch (wechselseitige Kommunikation)
- Sender-Empfänger-Beziehungen
- Medien-Nutzung
Heute gilt Rhetorik als Erfahrungswissenschaft
Ueding: „Sie bedient sich dabei auch der Einsichten und Ergebnisse der Sprecherziehung und Sprechwissenschaft, die traditionell einen Teil der Rhetorik und der rhetorischen Erziehung darstellen und die mündliche Realisierung der Rede [und des Gespräches] durch Sprechen sowie ihre mimische und gestische Darstellung zu Gegenstand haben.“[42]
Mit dem Aufkommen der Massenkommunikation im 20. Jahrhundert und erst recht mit der digitalen Revolution im Informationszeitalter des 21. Jahrhunderts verbindet sich die Rhetorik immer mehr mit der Medien- und Kommunikationswissenschaft. [43]Gleichwohl behält die grundsätzliche Feststellung ihre Gültigkeit, dass die direkte zwischenmenschliche Kommunikation[44], zur selben Zeit und am selben Ort durch nichts zu ersetzen ist, allerdings zunehmend medial unterstützt wird. Damit behalten auch die metakommunikativen (pragmatischen) Axiome nach Paul Watzlawick[45] ihre Bedeutung für die Rhetorik, wenn auch zu untersuchen wäre, wie sich die veränderten wissenschaftlich-medialen und gesellschaftlichen Bedingungen auf ihre praktische Umsetzung auswirken.
Der massenmediale Charakter der Rhetorik hat in den letzten Jahren weiter zugenommen. Beispiele dafür sind
die TED-Talks[46], die sich in den USA zunächst über das Fernsehen, und danach ganz selbstverständlich über das Internet, als regelrechte Massenbewegungen mit sportähnlichem Charakter entwickelt haben;
die riesigen Marketingkampagnen und gewaltigen Wahlkämpfe, insbesondere in den USA, die in den unterschiedlichen Kanälen von E-Mails bis Twitter ablaufen und selbst größte Profitquoten generieren.[47]
Rhetorik in der Weimarer Republik und im Dritten Reich
Die Rhetorik nach dem Ersten Weltkrieg vollzog zunächst vor allem an Hochschulen und Gymnasien und als Fortsetzung der traditionellen Eliteausbildung. Ein erwähnenswertes Beispiel ist Erich Drach: Redner und Rede.[48] Dort wurden nicht zuletzt das Wesen der als Gedankenführung und die klassischen Argumentationsstrukturen im 5-Satz für das Training zur freien Rede hervorgehoben. Das Buch wurde nach 1934 als Überarbeitung in den NSDA-Materialien zur „Redner-Schulung“ empfohlen. Ab 1929 gab es eine Reichsrednerschule der NSDAP in Herrsching.
Publizistische Grundlagen waren vor allem:
- Gustave Le Bon: Psychologie der Massen.[49]
- Fritz Reinhardt: Schriften für die Reichsrednerschulung[50]
- Adolf Hitler: Mein Kampf.[51] (1. Band 1925, 2. Band 1926)
Bereits 1928 hatte die NSDAP verstärkt damit, ein Kurssystem zur Reichs-Rednerschulung aufzubauen.[52] Die Tausenden von Parteirednern, allein 1933 sollen es 6000 gewesen sein, inspiriert durch charismatische Führer wie Hitler[53] [54]und Goebbels[55], aber auch Heinrich Himmler und Julius Streicher, trugen zweifelsohne zur Machergreifung des Faschismus in Deutschland und in den Folgejahren zur weiteren ideologischen Kriegsausrichtung des deutschen Volkes bei, die zu den schrecklichsten Ereignissen der Menschheitsgeschichte wie dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust führten. Ein besonders abschreckendes Beispiel für die fanatisierende Wirkung ideologisierter Rhetorik ist die Sportpalastrede von Joseph Goebbels am 18.02.1943: „Wollt ihr den totalen Krieg“.
Rhetorik in der DDR
In Deutschland gab es nach 1945 zunächst verschieden Befindlichkeiten gegenüber der klassischen Rhetorik und dem Missbrauch im Dritten Reich. Allerdings gab es in der Nachkriegszeit auch eine interessante Dynamik im Sprachgebrauch und in der Rhetorik, die aber auch durch eine zunehmende Ost-West-Differenzierung geprägt war. Die DDR-Rhetorik war geprägt von offiziellen Vorgaben, aber auch von einem kritisch-witzigen Alltagswortschatz, der die Kluft zwischen gesellschaftlicher Realität und Sprachregelung widerspiegelte. Es ist faszinierend zu sehen, wie Sprache und Rhetorik in einem politisch geprägten Umfeld wirken können. Rhetorik war vor allem in die ideologische Erziehung im Sozialismus eingeordnet und beschränkte sich vor allem auf die Befähigung von Leitungskadern in Politik und Wirtschaft. Mit der Deklarierung einer „sozialistischen Rhetorik“ wurde deutlich, dass die Vermittlung des Marxismus-Leninismus als Weltanschauung der Vorrang gegenüber einer eher wertfreien Sprechmethodik zukam.
- Kurka, Eduard: Wirksam reden. Besser überzeugen.[56]
- Ernst, Otto: Reden müssen. Reden können.[57]
- Sprache und Praxis. Lehrbuch für die Ausbildung an den Ingenieur- und Fachschulen der DDR. (Autorenkollektiv)[58]
- Jackstel, Rosemarie: Besser sprechen. [59]
- Texte und Aufgaben zur Sprachtheorie. (Autorenkollektiv)[60]
- Krech, Eva-Maria: Vortragskunst. Grundlagen der sprechkünstlerischen Gestaltung von Dichtung[61]
- Auras, Sigrid und Stock, Eberhard: Sprachkommunikation[62]
- Rosemarie und Karlheinz Jackstel: Die Vorlesung – akademische Lehrform und Rede[63]
In Kindergärten, Schulen und Jugendorganisationen wurde den Menschen in der DDR die politische Rhetorik als politische Indoktrination vermittelt, nicht zuletzt auch im marx´schen Sinne, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein [und damit auch die Sprache] bestimmt. Diese wurde als wahre Weltdeutung angesehen, bis die Wiedervereinigung alles auf den Kopf stellte
Rhetorik in der BRD
Abgesehen von den unterschiedlichen Intentionen der Besatzungsmächte gab es nach 1945 einige unübersehbare Parallelen nach dem kollektiven traumatischen Gewalterlebnis und des gesellschaftlichen Desasters nach dem Krieg durch den Willen, eine überkommene Gesellschaftsform im weitesten Sinne zu reformieren im Bemühen um Wiederaufbau. Mit dem „Eisernen Vorhang“, der Gründung zweier deutscher Staaten 1949 und dem Übergang zum „Kalten Krieg“ traten jedoch immer deutlicher Widersprüche in den meisten gesellschaftlichen Bereichen auf.
Die Traditionen der Rhetorik wurden vor allem in der gymnasialen und Hochschulbildung weiter gepflegt, wurden aber vor allem durch das Aufkommen neuer Kommunikationsmodelle weiter in Richtung demokratischer Möglichkeiten geöffnet. Dazu zählten vor allem
- das Kommunikationsmodell (Sender-Empfänger-Modell) nach Claude Shannon und Warren Weaver (1949);
- die metakommunikativen Axiome nach Paul Watzlawick et. Al.;
- das Hamburger Verständlichkeitsmodell und das Vier-Ohren-Modell nach Friedemann Schulz von Thun.
Rhetorik war deshalb anfangs mehr ideologieunabhängig und wandte sich vor allem an die aufwachsenden Kader in Wirtschaft und Demokratie. Beispiele aus einer großen Anzahl von Publikationen sind
- Hellmut Geißner: Rhetorik und politische Bildung[64]
- Heinz Elertsen: Moderne Rhetorik. Rede und Gespräch in der Wirtschaft und im öffentlichen Leben [65]
- Horst Schuh/Wolfgang Watzke: Erfolgreich Reden und Argumentieren[66]
- Rupert Lay: Dialektik für Manager. Methoden des erfolgreichen Angriffs und der Abwehr.[67]
Walter Jens (1923 – 2013) war u.a. Professor für Rhetorik an der Universität in Tübingen und benannte Aufgaben der modernen Rhetorik wie
- Bildung vorantreiben,
- Kommunikation strukturieren,
- sprachliche Übereinkunft und
- vernünftiges Handeln befördern helfen.[68]
Rhetorik im vereinigten Deutschland
Der widerspruchsvolle, progressive Prozess der deutschen Wiederbereinigung ab 1990 war natürlich auch mit vielfältigen rhetorischen Aufgaben und Erscheinungen verbunden. Allein die oft polemisch gebrauchten Losungen „Wir sind das Volk“ und „Wir sind ein Volk“ deuten die Kompliziertheit an. Sprachsoziologen schätzen, dass es, neben Dialekten und Mundarten, Soziolekten und Fachsprachen, zehntausende semantische Differenzierungen zwischen West- und Ostdeutschland gab und noch gibt. Das unterstreicht, dass Sprache, d.h. Sprechen und Schreiben, immer gesellschaftlich determiniert ist.
In der Kooperation der „alten“ und „neuen“ Bundesländer haben sich daraus unzählige rhetorische Aspekte und Erscheinungen ergeben. Von den „Runden Tischen“ über die Konstituierung neuer Parlamente und gesellschaftlicher Gremien, die Weiterentwicklung des Schulsystems gibt es zahllose Beispiele. Wenn es auch keine Schulfächer für rhetorische Kommunikation in den allgemeinbildenden Schulen gibt, sind doch Bewegungen wie „Jugend debattiert“ oder die fachbezogene Rhetorik an vielen Hochschulen doch gute Ansätze. Die Beförderung mündiger und mündlicher Bürgerinnen und Bürger steht dabei im Mittelpunkt.
Hinzu kommt, dass mit der Globalisierung und der digitalen Revolution fast unüberschaubare kommunikative Entwicklungen ablaufen.[69] Gesellschaftspolitische Widersprüche[70] sind dabei ebenso zu beachten wie wissenschaftlich-technische Fortschritte. Rhetorik ist gefragt, wenn es
- sprachliche Neuentwicklungen im Zusammenhang mit Wissenschaft, Technik, Kultur, Tourismus betrifft;
- gegen Rassismus und Brutalisierung in den alltäglichen Beziehungen[71] geht;
- um die Integration kommunikativ Behinderter (vgl. Leichte Sprache[72]) sowie Einwanderer und Flüchtlinge (vgl. Deutsch als Fremdsprache[73];
- um eine geschlechtergerechte und sozial ausgewogene Sprache;[74]
- um sprachliche Einflüsse aus anderen Ländern und Kulturen (z.B. Anglizismen und Amerikanismen) und die professionelle Optimierung der Kommunikation[75] in politischen und beruflichen Gremien usw. geht.
Beispiele für eine zielgerichtete Weiterentwicklung der Rhetorik in der gesellschaftlichen Praxis sind z.B. auch der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache[76] oder die jährliche Ausschreibung der „Rede des Jahres“ durch Seminar für allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen.[77]
Rhetorik-Code
Nach Karsten Bredemeier gibt es einen Rhetorik-Code, bestehend aus 10 Grundregeln[78]:
- Regel: Die Basis – aus der De- in die Kontextualisierung
- Regel: Faktizierende Sprache
- Regel: Positive Formulierungen
- Regel: Aktive Formulierungen
- Regel: Positionierende Bewertungen
- Regel: Konsequente Einordnungen
- Regel: Gehirngerechte „Anker“
- Regel: Der Punkt = die Pause
- Regel: Fakten, Daten und ihre Relation
- Regel: Der richtige Sprechrhythmus
Rhetorische Figuren[79]
Die hier verwendeten Ausdrücke rhetorische Figuren, Stilfiguren oder Redeschmuck sind weitgehend synonym zu verstehen.
Übersicht
| Schmuck (ornatus) | |||||
| In Einzel- Wörtern | in Wortverbindungen | ||||
| Tropen | Wortfiguren | Sinnfiguren | Wortfügung | ||
| Ersetzung | Hinzufügung | Auslassung | Umstellung | Lizenz Apostrophe rhetorische Fragen Konzession Anheim-stellung Evidenz Personifika-tion Allegorie | Rhythmus Klauseln (cursus) |
| Metapher Katachrese Metonymie Synekdoche Emphase Hyperbel Umschreibung | Anapher Epipher Paronomasie Polyptoton Synonymie Polysyndeton Asyndeton | Ellipse Zeugma | Hyperbaton Parallelis-mus | ||
Rhetorische Frage
Wer fragt, führt – so heißt es im Volksmund. Aber Fragen sind oft auch affektive Stilmittel, die besonders in der gesprochenen Sprache Lockerheit oder Eindringlichkeit vermitteln können.
Es handelt sich dabei um Scheinfragen bzw. solche Fragen, auf die keine konkrete Antwort erwartet wird, weil die Antwort evident ist, d.h. die Formulierung der Frage bereits die Antwort/Antwortrichtung in sich trägt.
Beispiele:
- Geht es Dir gut?
- Meinen Sie das ernst?
- Halten Sie mich wirklich für so blöd?
- Wollen Sie, dass Sie das eines Tages bereuen?
Deutungsmöglichkeiten:
- Sprachfluss fördern
- Kontaktpflege, Einstieg in den Dialog, Nachdrücklichkeit
- Provokation, Test
- Pathos
Rhetorische Kommunikation
Allgemein verstanden ist Kommunikation der Austausch von Informationen zwischen Sender und Empfänger über verschiedene Kanäle und mit Hilfe vielfältiger Methoden.
Die interpersonelle Kommunikation, d.h. wenn der o.g. Prozess zur gleichen Zeit und am selben (vergleichbaren) Ort zielgerichtet verläuft, wird heute als rhetorische Kommunikation bezeichnet.
Sie entsteht, wenn man sich, z.B. in wichtigen persönlichen oder beruflichen Situationen, mehr oder weniger überlegt,
- wie sich eine bestimmte Absicht (Ziel) am besten verfolgen lässt,
- welche sprachlichen und medialen Mittel dafür zweckmäßig sind,
- welche Art und Weise der Vorbereitung optimal ist und
- welche Situation zu berücksichtigten ist.
Es empfiehlt sich dazu beispielsweise die ZIMBE-Formel[81] nach Klingberg (Dialektische Didaktik).
Algorithmus für die Konzeption rhetorischer Aufgaben:
| Ziel | Welche Zielgruppe soll erreicht werden und mit welcher Absicht? |
| Inhalt | Thema, inhaltliche Schwerpunkte, Fakten |
| Methodik | Form: Rede, Gespräch Methode: Manuskriptrede, Freie Rede, Stegreifrede Verfahren. Parlamentsrede, Vorlesung, Interview Techniken: Vortrag, Präsentation |
| Bedingungen | Zeitumfang und -ablauf, Räumlichkeiten, technische Ausstattung, Publikum, Organisation |
| Evaluation | Erfassung, Analyse und Fortsetzung der Ergebnisse |
Methodisch gesehen liegt rhetorische Kommunikation zwischen Alltags- und sprechkünstlerischer Situation.
- Alltagskommunikation: Meist mehr als 95% unserer tagtäglichen Kommunikation erfolgen unvorbereitet, spontan und natürlich.
- Sprechkünstlerischer Kommunikation: Der Sender (Sprecher) ist nicht unbedingt auch Produzent der Nachricht, sondern oft nur Übermittler oder Interpret wie z.B. als Rezitator eines Gedichtes, Schauspieler, Rundfunk- oder TV-Sprecher.
Rhetorik (allgemein)
Kurzdefinition: Redetechnik bzw. -kunst, die
– in erster Linie das zielgerechte Umsetzen von Denken in Sprache und
– in zweiter Linie die bewusste Gestaltung der Sprache mit Unterstützung von Körper, Medien und Methoden zu verstehen ist.
Rhetorik beginnt, wenn man einen Plan für die Kommunikation verfolgt, d.h. den zielgerichteten Austausch von Informationen zwischen Sender und Empfänger. Im Mittelpunkt der Bemühungen um rhetorische Kommunikation steht die Argumentation.
Die Prinzipien der rhetorischen Kommunikation hat Watzlawick mit seinen metakommunikativen Axiomen formuliert.
Rhetorik kann nicht zuletzt zur Optimierung zwischenmenschlicher Kommunikation beitragen.
Rhetorische Figuren (Überblick, Auswahl)
Das dürfte wohl das meistbehandelte Thema innerhalb der Rhetorik sein, bei aller angebrachten Kritik und vielen Vorbehalten. Versuche des Auswendiglernens führen nicht selten ins Leere.
| Schmuck (ornatus), Figuren | |||||
| in einzelnen Wörtern | in Wortverbindungen | ||||
| Tropen | Wortfiguren | Sinn-figuren | Wort- fügungen | ||
| Ersetzung | Hinzufügung | Auslassung | Umstellung | Lizenz Apostrophe Rhetorische Frage Konzession Anheim-stellung Evidenz Personi- fikation Allegorie | Rhythmus Klauseln |
| Metapher Katachrese Metonymie Synektoche Emphase Hyperbel Umschrei-bung | Anapher Epipher Paronomasie Polyptoton Synonymie Polysyndeton Asyndeton | Ellipse Zeugma | Hyperbaton Parallelismus Antithese Chiasmus | ||
Die nachfolgende Auflistung entspricht ungefähr den rhetorischen Stilfiguren, die im Deutschunterricht bis zum Abitur behandelt werden.
Akkumulation: Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott! Oder: Schneller! Höher! Weiter! (Olympische Losung)
themenbezogene Aneinanderreihung von Wörtern zu einem Oberbegriff, der genannt oder nicht genannt wird. Das steigert Bildhaftigkeit und Spannung im sprachlichen Ausdruck.
Allegorie: Gott Amor für Liebe, Justitia für Gerechtigkeit
Sehr konkrete Darstellung von abstrakten Begriffen oder Gedanken, oft durch Personifikation. Das Gedachte wird in ein Bild übertragen, das erst wieder erschlossen werden muss
Beispiele:
.
Anakoluth: „Es geschieht oft, dass, je freundlicher man ist, nur Undank wird einem zuteil.“
Grammatische Bauform von Ende und Anfang eines Satzes stimmt nicht überein. Kann Zeichen einer nachlässigen Ausdrucksweise sein oder gezieltes Stilmittel zur Darstellung einer emotional oder sozial geprägten Redeweise.
Anapher: „Ich schreibe jetzt, ich schreibe, was ich will, ich schreibe für mein Leben gern.“
Wiederholung von Wörtern oder Wortgruppen an Vers- oder Satzanfängen, was einen verstärkenden Effekt auf das Gesagte hat.
Apostrophe „Besinge mir, Gottheit, den Zorn des Peliden Achilleus!“
Scheinbare Abwendung des Sprechers vom Publikum (Leser) und Anrede einer imaginären Person (Zweitpublikum). Meist in empathischer oder pathetischer Rede. Im Beispiel wendet sich Antigone ab und richtet sich an die Götter.
Alliteration: „Milch macht müde Männer munter.“, „mit Kind und Kegel“
Wiederholung der Anfangslaute in benachbarten Wörtern. Im Deutschunterricht meist als Wiederholung von Anfangsbuchstaben verstanden
Antithese: „Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte auch die linke hin.“ oder „Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang.“
Gegenüberstellung von Gedanken und Begriffen. Thesen können gegenübergestellt werden, aber auch eine stilistische Gegenüberstellung ist möglich, um etwas zu kontrastieren.
Chiasmus: „Die Kunst ist lang, und kurz ist unser Leben“
Bezeichnung kommt vom griech. Chi (X). Kreuzstellung von syntaktisch oder semantisch einander entsprechenden Satzgliedern.
Contradictio in adiecto: „Kleinere Hälfte“, „Ein rundes Quadrat“, „Bittere Süße“
Sonderform des Oxymorons. Hierbei besteht ein Widerspruch zwischen adjektivischem Beiwort und Substantiv.
Correctio: „Wir müssen schnell, ja unverzüglich handeln.“
Korrektur eines zu schwachen Ausdrucks.
Ellipse: „Je früher (du wieder kommst), desto besser (ist es für mich).“
Satzteil, der nicht zum Verständnis notwendig ist, wird ausgelassen. Kann zum Ausdruck eines gesteigerten Gefühls eingesetzt werden.
Epipher: „Doch alle Lust will Ewigkeit, / will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
Wichtige Wörter oder Wortgruppen werden am Satz- oder Versende wiederholt. Das Gegenstück ist die Anapher.
Euphemismus: Heimgang für Tod, Freudenhaus für Bordell, bildungsfern für ungebildet.
Beschönigende Umschreibung einer unangenehmen, anstößigen oder gar unheilbringenden Sache. Wird auch als Verschleierung unschöner Tatsachen genutzt.
Hendiadyoin: „Feuer und Flamme“ (Leidenschaft), „ab und zu“ (manchmal)
Verbindung zweier Wörter, die gemeinsam einen neuen, oft abstrakten Begriff bilden. Wird häufig mit der Tautologie verwechselt.
Hyperbaton: „Es ist der Liebe milde Zeit“ oder „Der Worte sind genug gewechselt.“
Satzstellung, die von der üblichen abweicht. Geschieht meist durch die Umstellung einzelner Satzbestandteile, um diese zu verdeutlichen.
Hyperbel: Schneckentempo, blitzschnell, „Ein Meer von Tränen“
Starke Übertreibung. Entweder wird der Begriff dabei vergrößert oder verkleinert.
Hypotaxe: „Derjenige, der denjenigen, der den Pfahl, der an der Brücke, die an der Straße, die nach Mainz führt, liegt, stand, umgeworfen hat, anzeigt, erhält eine Belohnung.“
Bildet den Gegensatz zur Parataxe. Verschachtelte Syntax. Zahlreiche Nebensätze sind in den Hauptsatz verwoben.
Ironie: „Du wirst mit Sicherheit ein großer Künstler.“, „Du bist mir ja ein schöner Freund!“
Unwahre Aussage, die offenkundig zeigt, dass das Gegenteil gemeint ist.
Katachrese: „Das habe ich mit eigenem Fleisch und Blut erlebt.“, „Das ist aber nicht das Wahre vom Ei, wenn auch ein blindes Huhn mal ein Ei legt.“
Metaphorische Bilder werden genannt, die nicht zusammenpassen. Kann als Bild- oder Stilbruch verstanden werden.
Klimax: „Veni, vidi, vici (Ich kam, sah und siegte)“, „Erst die Stadt, dann das Land und in einem Jahr herrsche ich über die Welt.“
Stufenartige (dreigliedrige) Steigerung eines Begriffs. Meist vom wenig Bedeutsamen zum Bedeutsamen oder vom Kleinsten zum Größten. Das Gegenstück ist die Antiklimax.
Litotes: „Nicht unschön“ für schön, „Er war nicht gerade ein Held“ für feige.
Bejahung durch doppelte Verneinung oder untertriebene Ausdrucksweise.
Metapher: „Das Feuer der Liebe“, „Jemandem das Herz brechen“, „Eine Mauer des Schweigens errichten“, „Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens“
Übertragung der Bedeutung. Sprachliche Verbindung zweier (mehrerer) semantischer Bereiche, die ansonsten unverbunden sind. Das sprachliche Bild muss gedeutet werden.
Metonymie: „Wir haben den ganzen Goethe gelesen“ statt Werk, „Washington hat noch nicht geantwortet“ statt Person, „Ganz Afrika hungert“ statt Bewohner oder Personen.
Ein Wort wird durch ein anderes ersetzt, das zu diesem in unmittelbarer Beziehung steht.
Onomatopoesie: „Der Wasserhahn tropft.“, „Das Feuer knistert im Ofen.“, „Das Haus ächzt und seufzt.“
Lautmalerisches Wort, das so ähnlich klingt, wobei akustische Eindrücke durch Sprache rekonstruiert werden.
Oxymoron: „Eile mit Weile“, „Diese Fülle hat mich arm gemacht“, „Es lebe der Tod!“
Verbindungen zweier Worte, die sich gegenseitig ausschließen. Kann dadurch eine pointierte Wirkung erhalten.
Paradoxon: „Das Leben ist der Tod, der Tod ist das Leben!“, „Wer sein Leben gewinnen will, der wird es verlieren.“
Scheinwiderspruch. Die Behauptung scheint auf den ersten Blick unsinnig. Bei näherer Betrachtung birgt sie jedoch eine höhere Wahrheit.
Parallelismus: „Heiß ist die Liebe, kalt ist der Schnee.“, „Schnell lief er hin, langsam kam er zurück.“
Wiederholung einer gleichartigen Syntax in aufeinanderfolgenden Sätzen. Wiederkehr derselben Wortreihenfolge.
Parataxe: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“
Im Gegensatz zur Hypotaxe das Nebeneinanderstellen gleichrangiger Hauptsätze. Aussagen wirken so sehr absolut. Häufige Stilfigur in der Bibel und anderen religiösen Schriften.
Parenthese: „So bitt ich – ein Versehen war’s, weiter nichts – für diese rasche Tat dich um Verzeihung.“
Einschub in einen Satz, der grammatisch selbständig ist. Dieser Einschub verändert die syntaktische Ordnung nicht.
Periphrase: „Der Allmächtige“ für Gott, „Ein Land, darinnen Milch und Honig fließen“ für Heiliges Land
Umschreibung eines Begriffs (Person, Sache etc.) durch andere kennzeichnende Wörter.
Personifikation: „Fabriken drohten mit ihren keuchenden Schloten„, „Frau Welt“, „Mutter Natur“
Vermenschlichung abstrakter Begriffe oder lebloser Gegenstände, indem man ihnen menschliche Eigenschaften zuschreibt. Ist mit der Allegorie verwandt.
Pleonasmus „weißer Schimmel“, „grünes Gras“, „bunte Farben“, „dunkle Nacht“
Ein Wort für mithilfe eines charakteristischen Begriffs beschrieben. Begriffspaar ist „doppelt gemoppelt“
Rhetorische Frage: „Machen wir nicht alle Fehler?“, „Wer glaubt denn das noch?“
Scheinfrage, um einer Aussage Nachdruck zu verleihen. Die Frage verlangt nicht nach einer Antwort. Sie verstärkt die Eindringlichkeit der Aussage und kann manipulativ wirken.
Symbol: Herz für Liebe, Krone für Macht, Kreuz für das Christentum.
Sinnbild, das auf etwas Allgemeines hinweist. Häufig ein Gegenstand, der für einen allgemeinen Sinnzusammenhang steht.
Synästhesie: „Das Blau schmeckt gut.“, „schreiendes Rot“, „Durch die Nacht, die mich umfangen, / Blickt zu mir der Töne Licht.“
Unterschiedliche Sinneseindrücke werden miteinander verbunden. Stilfigur kann eine Aussage verstärken.
Synekdoche: Klinge für Schwert, „Dach über dem Kopf haben.“
Ein Teil steht für das Ganze (pars pro toto) oder das Ganze für ein Teil (lat.: totum pro parte).
Tautologie: „Persil bleibt Persil“, „nie und nimmer“, „immer und ewig“
Wiederholung eines Begriffes oder Verbindung zweier Begriffe, die gleichbedeutend sind. Wird häufig mit dem Hendiadyoin verwechselt.
Vergleich: „Ich bin so stark wie ein Löwe.“, „Du bist schön wie Helena.“
Zwei semantische Bereiche werden miteinander verbunden, wodurch eine Gemeinsamkeit offenbart wird. Ist eine Unterform der Metapher.
Wiederholung: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“
Es gibt verschiedene Stilfiguren der Wiederholung. Wörter oder Wortpaare werden wiederholt, um die Eindringlichkeit zu steigern.
Zeugma: „Der See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen.„, „Ich heiße Peter und sie herzlich willkommen!“, „Ich fror vor mich hin, denn nicht nur meine Mutter, auch der Ofen war ausgegangen.“,
Verb wird für verschiedene Substantive nur einmal genutzt. Sprachwidrige Verbindung zweier (mehrerer) Ausdrücke durch Einsparung eines notwendigen Satzglieds.
Rhythmus
Unser Sprechrhythmus wird, neben der Temperamentsveranlagung und der psychischen Verfassung auch durch die inhaltlich-stilistische Gliederung des Textes bestimmt. Die sich beim Sprechen bewegende Atemmuskulatur erzeugt die sinngebende Intonation durch Pausierung und alternierendes Sprechtempo, Stimmkraftansatz, Akzentuierung), Lautstärke, Stimmhöhenverlauf (Satzmelodie) usw.
In der Rhetorik geht es vor allem um einen natürlichen, partnergerechten und verständnisfördernden Sprechrhythmus. Ähnlichkeiten werden auch zu Prosa, Lyrik (Metrum) oder Gesang (Lied) sichtbar.
Der Sprachrhythmus steht vor allem im Zusammenhang mit dem Atemrhythmus. Atemnot und Atmen an der falschen Textstelle
- erzeugen oft die unleidlichen Zwischenlaute wie „ä“ oder „emm“,
- signalisieren u.a. Unsicherheiten des Sprechers,
- führen in extremen Fällen zu Stottern, Poltern oder Verhaspeln und
- können zu Verständigungsproblemen führen.
In gegeben Fällen kann ein Redemanuskript bereits Hinweise für die rhythmische Gestaltung enthalten. Das kann sowohl für das vorangehende Training, als auch für die direkte Realisierung der Rede zweckdienlich sein.
Beispiele:
- normale Interpunktionen durch Komma, Semikolon, Doppelpunkt oder Punkt;
- ein, zwei oder drei Schrägstriche für kurze, mittlere oder längere Pausen;
- Unterstreichungen oder farbliche Unterlegungen für Betonungen;
- Ausrufe und Fragezeichen usw.
Auch das Wiedergeben von lebhaften Texten, Gedichten oder Liedern eignet sich sehr gut für das Training eines rhetorisch guten Sprechrhythmus.
Beispiele dafür, wie Sprechrhythmus (insbesondere durch Akzentuierung) die Aussage eines Satzes prägen kann:
- Ich habe eine Tochter. (neutrale Feststellung)
- Ich habe eine Tochter. (persönlichen Bezug betonend)
- Ich habe eine Tochter. (bestätigend)
- Ich habe eine Tochter. (Anzahl hervorhebend)
- Ich habe eine Tochter (konkretisierend)
Rhodos
lat. Rhodus
In der griechisch-römischen Antike wurde auf dieser Mittelmeerinsel um 324 v. Chr. die möglicherweise erste Rednerschule (an den Orten Kameiros oder Monte Smith) gegründet. In diesem Zusammenhang wird der athenische Politiker und Redner Aischines als Gründer genannt, der auch als Gegenspieler von Demosthenes gilt:
„Es ist überhaupt kein Wunder, athenische Mitbürger, wenn es zwischen mir und Demosthenes Meinungsverschiedenheiten gibt. Denn dieser trinkt doch bloß Wasser, ich aber trinke Wein!“[82]
Berühmte Schüler dieser Einrichtung sollen u.a. Cicero, Cäsar, Lukrez, Pompeios, Teberius, Cassius, Molon, Posidonios, Menekles, Achelaos, Apolonius gewesen sein. Ihnen wurden dort nicht nur rhetorische Fähigkeiten vermittelt, sondern auch Wissen über Literatur, Philosophie und Wissenschaft.
Es soll auch noch weitere antike Rhetorik-Schulen gegeben haben:
- Syrakus (Sizilien) soll nach dem Sturz der Tyrannis ab 466 n. Chr. die Wiege der Rhetorik. Als Begründer gelten Korax und Teisis..
- Mit der Entstehung der Demokratie wurde auch in Athen die Rhetorik zur politischen Notwendigkeit. Sophisten wie Gorgias und Protagoras unterrichten gegen Bezahlung und später gründete u.a. Isokrates eine eigene Schule.
- Auch in den Zentren hellenistischer Bildung wie Ephesos, Pergamon, Alexandria wurde Rhetorik gelehrt.
- Die Rhetorikschulen in Rom und waren anfänglich griechisch geprägt und wurden ab dem 1. Jahrhundert v.Chr. lateinisch geführt.
Rückmeldung [83]
engl. Feedback
Der Empfänger eines Signals (Botschaft, Message) reagiert (zurück), indem er selbst zum Sender wird.
Niklas Luhmann: „Eine Kommunikation hat Erfolg, wenn ihr Sinn als Prämisse weiteren Verhaltens übernommen und in diesem Sinne Kommunikation durch andere Kommunikationen fortgesetzt wird.“[84]
Das eigentliche Ziel der Kommunikation ist demzufolge die Rückmeldung und ihre wechselseitige Fortsetzung..
Beispiele:
- Ein Lehrer stellt eine Frage, mehrere Schüler melden sich und geben Antworten.
- In der Sächsischen Zeitung wird ein Artikel veröffentlicht. Weil sie das Thema interessiert, schreiben mehrere Leser (Leserbriefe) an die Redaktion, die dann (ggf. auszugsweise) veröffentlicht werden.
- Anlässlich seines Geburtstages lädt Hans seine Freunde per E-Mail ein. Aber niemand antwortet. Was bedeutet das? A) ist die Botschaft ordnungsgemäß verschickt worden? B) haben die Adressaten die Botschaft erhalten? C) Meinen die Adressaten, dass sie nicht antworten müssen, egal, ob siekommen werden oder nicht. D) Antwortet keiner, weil sich der Einladende nicht klar ausgedrückt hat?
Roter Faden
So wird der logische, nachvollziehbare Verlauf der Rede bzw. des Gespräches genannt. Ein leitender, verbindender Grundgedanke wird durch eine Gliederung mit logischem fortgesetzt und zu einem Fazit geführt. Das ist u.a. für den Aufbau einer Argumentation charakteristisch.
Das Bild beruht möglicherweise auf dem Tauwerk der englischen Marine, in dem durchgängig ein roter Faden eingebunden war.
Es erinnert aber auch an den goldenen Faden der Ariadne in der griechischen Mythologie. Mit diesem fand der gefangene Theseus wieder aus dem Labyrinth heraus.
Russische und sowjetische Rhetorik
Im russischen Kontext entwickelte sich die deliberative Rede, also ein offener und freier Austausch von Argumenten, der zu politischem Konsens führt, vergleichsweise spät.
Deliberation: Beratschlagung, Überlegung, Abwägung
Sie existierte nur für kurze Zeiträume, nämlich nach der Revolution von 1905 und während der Transformationsphase zwischen Perestroika und dem post-sowjetischen Russland. Um die russische Tradition der politischen Rhetorik darzustellen, wäre es daher notwendig, eine Vielzahl von Genres und Diskursen zu berücksichtigen. Anstelle des dialogischen Charakters, der – gemäß dem aristotelischen Modell – für die deliberative Rhetorik charakteristisch ist und auf Rede und Gegenrede basiert, weisen diese verschiedenen Arten von Rede und Texten (wie Predigten, Panegyriken [prunkvolle Reden zu festlichen Anlässen], Briefe und politische Reden) meist monologische Formen auf. Sie dienen dazu, die Regierung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu stabilisieren und zu legitimieren.
In den Revolutionsjahren nach 1917 waren es vor allem Führungspersönlichkeiten wie Wladimir Iljitsch Lenin, Nikolai Bucharin, Grigori Sinowjew oder Sergej Kirow, welche maßgebliche Einflüsse auf die Auseinandersetzung der parteipolitischen Strömungen, die revolutionären Ereignisse bzw. die nachfolgende Errichtung der Sowjetmacht ausübten. Für diese Zeiten waren vor allem leidenschaftliche Großveranstaltungen zur Mobilisierung der Massen typisch.
Die Widersprüche der stalinistischen Diktatur, in denen zahlreiche abschreckende Schauprozesse stattfanden, sollen hier nur angedeutet werden. Sie bleiben jedoch in Erinnerung als tiefe rhetorische Abgründe des Personenkults zur Herrschaftserhaltung und der Massenmanipulation sowie zur nachhaltigen Unterdrückung der Freiheit und der Menschenrechte.
Während der poststalinistischen Zeit ist u.a. Nikita Chruschtschow (1894 – 1971) hervorzuheben. Nach dem Tod Josef Stalins hielt er auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei eine Geheimrede, die als Beginn der Tauwetter-Periode (Entstalinisierung, Hinwendung zur Politik der friedlichen Koexistenz) gilt. Auch seine cholerische Ansprache vor der UNO-Vollversammlung (12.10.1960) gilt noch heute als legendär, obwohl die Darstellung, dass er mit dem Schuh auf das Rednerpult geschlagen hätte, nicht eindeutig nachweisbar ist.
In der Sowjetunion diente die modernisierte rhetorische Kommunikation immer auch der Mobilisierung der Massen.
Große rhetorische Fähigkeiten bewies auch Michail Gorbatschow (1931 – 2022, bis 1991 Staatspräsident der Sowjetunion). Mit seinen Vorstellungen zur Glasnost (Offenheit“ und Perestroika (Umgestaltung) leitete er seit 1986 einen Kurs ein, der zum Ende des Kalten Krieges führte, den Verfall der Sowjetunion einleitete und die größtenteils friedlichen Revolutionen in Ländern Osteuropas begünstigte. [85]Ein Ausspruch von ihm ist noch heute in aller Munde: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“
Auch in der im Putin-Ära ist rhetorische Kommunikation ein zentrales Element in der multimedialen Gestaltung der ideologischen “Wahrheit”.[86] Moderne, meist staatsgelenkte Medien spielen im gesellschaftlichen Leben und in der globalen Auseinandersetzung eine große Rolle. Staatspräsident Wladimir Putin selbst ist in brillanter Weise bemüht, seine Persönlichkeit nicht zuletzt als öffentlicher Redner zu profilieren. Er ist bekannt für seinen direkten und oft nüchternen Redestil mit klaren Formulierungen, markigen Sprüchen, historischen Begründungen und strategischem Aufbau, um seine Machtposition zu erhalten und seine politischen Ziele zu legitimieren. Das wird nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine deutlich.
Zu seinen bekanntesten Reden gehören u.a.:
- Rede vor dem Deutschen Bundestag (2001), die er größtenteils auf Deutsch hielt und in der er eine engere Zusammenarbeit mit Europa forderte,
- Auftreten während der Münchner Sicherheitskonferenz (2007) zur Kritik an der westlichen und zur Darstellung der geostrategischen Interessen Russlands,
- Krim-Rede (2014) zur Begründung der Annexion der Krim.
Zu seinen rhetorischen Gewohnheiten gehören die regelmäßigen, meist mehrstündigen Pressekonferenzen. Trotz alledem gilt Putin allgemein und vor allem in vielen Ländern des Westens als unberechenbar und rigoros.[87]
Heute werden in Russland an verschiedenen Hochschulen und Universitäten im Rahmen von diversen Studiengängen (Philologie, Journalismus, Politik- und Rechtswissenschaft) Kommunikation und Rhetorik unterrichtet.
[1] Vgl. Schopenhauer, A.: Die Kunst, Recht zu behalten. Insel Verlag, Frankfurt a.M. und Leipzig 1995, S. 19 ff.
[2] Aristoteles: Rhetorik. Wilhelm Fink Verlag, München 1980; 20 ff.
[3] Stroh, Wilfried: Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im Alten Griechenland und Rom. Ullstein Buchverlage, Berlin 2009, S. 247 ff.
[4] Lendon, Jon Edward: Rhetorik. Macht. Rom. Die Kraft der Redekunst im Imperium Romanum. wbg Edition, Darmstadt 2023, S.41 ff.
[5] Die Bibel. Neues Testament. Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5 bis 7
[7] Anderson, Chris: TEDTalks. Die Kunst der öffentlichen rede. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2017
[8] Luxemburg, R.: Die russische Revolution. Eine kritische Würdigung, Gesammelte Werke Band 4, S. 359.er 1984, S. 86
[9] Garton Ash, Timothy: Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt. Hanser Verlag, München 2016
[10] Ebenda, S. 32
[11] Grund-Gesetz der Bundesrepublik Deutschland, Artikel 5
[12] Vgl. Verband der Redenschreiber deutscher Sprache. http://www.vrds.de
[13] Lehmann, G. A.: Demosthenes von Athen. Ein Leben für die Freiheit. Biographie. C. H. Beck Verlag, München 2004, S. 48 ff.
[14] www.vrds.de
[15] Spriestersbach, K.: Richtig texten mit KI. ChatGPT, GPT-4, GPT-3 & Co. Texte schreiben mit Hilfe Künstlicher Intelligenz für Job, Uni und Websites. mvgverlag, München 2023
[16] https://www.bundestag.de/services/glossar/glossar/R/redezeit-868680
[17] https://ariane-willikonsky.com/die-wichtigsten-rednerinnen-und-redner-der-antike/
[18] Malik, Fredmund: Führen. Leisten. Leben. Wirksames Management für eine neue Zeit. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2013, S. 146 ff.
[19] Meckel, Miriam: Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Informationsfalle. Goldmann Verlag, München 2009, S. 38 f.
[20] Cicero. Orator. Der Redner. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2004
[21] Quintilian: Institutio oratoria X. Lehrbuch der Redekunst 10. Buch. Pilipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart1974
[22] Bredemeier, Karsten: Der Rhetorik-Code. Orientierungsgebend – ergebnissichernd. orell füssli, Zürich 2007, S. 33 ff.
[23] Dem Luther aufs Maul geschaut. Koehler & Amelang Verlag, Leipzig 1983, S. 12
[24] Ebenda, S. 14 (Luthers Predigt über Matthäus 5,1-3)
[25] Nach: Stolt, Birgit: Martin Luthers Rhetorik des Herzens. Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2000, S. 88
[27] Kopperschmidt, Josef (Hrsg.): Die neue Rhetorik. Studien zu Chaim Perelman. Wilhelm Fink Verlag. München 2006
[28] Schneider, W.: Deutsch für Profis. Wege zum guten Stil. Goldmann Verlag, Hamburg 1984, S. 86
[29] DUDEN: Band 1: Die deutsche Rechtsschreibung. 28. Auflage, Berlin 2020, S. 956
[30] Anderson, Chris: TED Talks. Die Kunst der öffentlichen Rede. Das offizielle Handbuch. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M 2017
[31] Vgl. Aristoteles, S. 7
[32] Arbeitstexte für den Unterricht: Rhetorik. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1991, S. 13
[33] Kolmer, Lothar; Rob-Santer, Carmen: Studienbuch Rhetorik. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn, München, Wien, Zürich 2002, S. 28ff
[34] Stolt, B.: Martin Luthers Rhetorik des Herzens. Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2000
[36] Goethe, J. W.: Insel Verlag, Leipzig 1967, S. 148
[37] Herbst, L.: Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias. Fischer Verlag. Frankfurt a. M. 2010
[38] Fraenkel, H.; Manvell, R.: Goebbels. Der Verführer. Wilhelm Heyne Verlag; München 1960
[39] Metzner, Jochen: Hitlers Hassredner. In: P.M. History – März 2020, S. 76 – 81
[40] In: Sprache. Ein Lesebuch von A bis Z, S. 185 ff.
[41] Kopperschmidt, J.: Rhetorische Anthropologie. Studien zum Homo rhetoricus
[42] Ueding, G.: Moderne Rhetorik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Verlag C. H. Beck, München 2009, 7 ff.
[43] Kommunikationsmodell nach Shannon und Weaver (1949), Vgl. Lenke, N.; Lutz, H.-D.; Sprenger, M.: Grundlagen sprachlicher Kommunikation. Wilhelm Fink Verlag, München 1995, S. 68 ff. und 223 ff.
[44] Kommunikationsmodell nach Claude Shannon und Warren Weaver
[45] Watzlawick, P.; Beavin, J. H.; Jackson, D. D.: Menschliche Kommunikation. Verlag Hans Huber, Bern 1969, S. 50 ff.
[46] Anderson, C.: TED Talks. Die Kunst der öffentlichen rede. Das offizielle Handbuch. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2017
[47] Ash, T. G.: Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt. Carls Hanser Verlag, München 2016
[48] Drach, E.: Redner und Rede. Methodisches Hilfsbuch für >Übungen in freier Rede, Verhandlungs- und Versammlungs-technik. Hans Bott Verlag, Berlin-Tempelhof 1932
[49] Le Bon, A.: Psychologie der Massen. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1911 (vgl. 15. Auflage von 1982)
[50] https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsredner
[51] Hitler, A.: Mein Kampf. Eine kritische Edition. München-Berlin 2022 (Online-Ausgabe)
[52] https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsredner
[53] Kopperschmidt, J. (Hrsg.): Hitler der Redner. Wilhelm Fink Verlag, München 2003
[54] Herbst, L.: Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010
[55] Fraenkel, H.; Manvell, R.: Goebbels. Der Verführer. Wilhelm Heyne Verlag, München 1960
[56] Kurka, E.: Wirksam reden. Besser überzeugen. Einführung in die sozialistische Rhetorik.
[57] Ernst, O.: Reden müssen. Reden können. Praktische Hinweise zur Redegestaltung, Gesprächsleitung, Verhandlungsführung. Verlag Die Wirtschaft. Berlin 1986
[58] Schmidt, H., (Leiter des Autorenkollektives): Sprache und Praxis. VEB Verlag Enzyklopädie, Leipzig 1983
[59] Jackstel, .: Besser sprechen. Urania – Verlag, Leipzig. Jena. Berlin 1970
[60] Michel, G.; Schippan, T.; Wilske, L. (Hrsg.): Texte und Aufgaben zur Sprachtheorie. VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1981
[61] Krech, E.-M.: Vortragskunst. Grundlagen der sprechkünstlerischen Gestaltung von Dichtung. VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1987
[62] Auras, S.; Stock, E.: Sprachkommunikation. Lehrbuch für den Unterricht in sprech- und schreibintensiven facharbeiterberufe. Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1986
[63] Jackstel, R. und K.: Die Vorlesung – akademische Lehrform und Rede. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1985
[64] Geißner, H.: Rhetorik und politische Bildung. Scriptor Verlag, Kronberg/Ts 1975
[65] Elertsen, H.: Moxerne Rhetorik Rede und Gespräch in der Wirtschaft und im öffentlichen Leben. I. H. Sauer-Verlag, Heidelberg 1963
[66] Schuh, H.; Watzke, W.: Erfolgreiche reden und Argumentieren. Hueber-Holzmamnn Verlag, München 1983
[67] Lay, R.: Dialektik für Manager. Methoden des erfolgreichen Angriffs und der Abwehr. Econ & List Taschenbuch Verlag, München 1999
[68] Jens, Walter: Reden. Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig und Weimar 1989, S. 118
[69] Nowak, J.: Sprache als Macht im Digitalen Zeitalter. WOCHENSCHAU Verlag, Frankfurt a.M. 2022
[70] Vgl. Klose, J.; Patzelt, W. J.: PEGIDA. Warnsignale aus Dresden
[71] Fielitz, M.; Marcks, H.: Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus. Zentralen für politische Bildung. Dudenverlag, Berlin 2020
[72] Bredel, Ursula.; Maaß, Christine.: Ratgeber leichte Sprache. Die wichtigsten Regeln und Empfehlungen für die Praxis. DUDEN Verlag, Berlin 2016
[73] Deutsch als Fremdsprache. Standardwörterbuch. DUDEN Verlag, Berlin 2018
[74] Gümüsay, Kübra: Sprache und Sein. btb Verlag, München 2021
[75] Stephan, Ingrid: Digital erfolgreich kommunizieren. Teamarbeit fördern, effektiv arbeiten, kreativ werden. Dudenverlag, Berlin 2021
[77] www.rhetorik.uni-tuebingen.de/portfolio/rede-des-jahres/
[78] Bredemeier, Karsten: Der Rhetorik-Code. Orientierungsgebend – ergebnissichernd. orell füssli, Zürich 2007, S. 33 ff.
[79] Göttert, K.-H.: Einführung in die Rhetorik. W. Fink Verlag, München 1911, S. 44
[80] Göttert, K.-H.: Einführung in die Rhetorik. W. Fink Verlag, München 1991, S. 44
[81] Ziel-Inhalt-Methodik-Relationen, vgl. Jank, W.; Meyer, H.: Didaktische Modelle. Cornelsen Verlag Scriptor, Berlin 2006, S. 241 ff.
[82] Lehmann, G. A.: Demosthenes von Athen. Ein Leben für die Freiheit. Biographie. C. H. Beck Verlag, München 2004, S. 140
[84] Luhmann, S. 337
[85] Gorbatschow, Michail: Umgestaltung und neues Denken für unser Land und für die ganze Welt. Dietz Verlag, Berlin 1988
[86] © 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/München/Boston (Copilot, 13.02.2024)
[87] https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Wladimirowitsch_Putin
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